|  Ihr Konto  | myUB
Universitätsbibliothek » Archivzentrum » Neues aus dem Archivzentrum

Neuerwerbung im Schopenhauer-Archiv

5-bändige Philo-Ausgabe aus der Bibliothek Arthur Schopenhauers

Bei der diesjährigen Antiquariatsmesse in Stuttgart gelang es, mit großzügiger finanzieller Unterstützung der Gesellschaft der Freunde der Stadt- und Universitätsbibliothek, der Schopenhauer-Gesellschaft, der Sammlung Deutscher Drucke und der Universitätsbibliothek, eine fünfbändige Ausgabe der Werke des antiken hellenistisch-jüdischen Philosophen Philon von Alexandria zu erwerben.

Philon von Alexandrien, auch bekannt als Philo Judaeus, ist zwischen 25 und 13 vor Christus in der bedeutenden unterägyptischen Metropole Alexandria geboren und zwischen 41 und 50 in derselben Stadt gestorben. In Alexandria lebte zu dieser Zeit die größte und intellektuell einflußreichste hellenistisch-jüdische Gemeinde im römischen Reich. Die Bedeutung Philons liegt in dem Versuch, die jüdische Tradition durch allegorische Interpretation mit der Platonischen Philosophie zu verknüpfen. In dieser Weise ist er sowohl für die griechischsprechenden Juden als auch für die christliche Theologie einflußreich geworden.

Uns liegt nun eine fünfbändige zweisprachige, griechisch-lateinische Ausgabe vor, deren vierter und fünfter Band vom Buchbinder zusammengebunden sind. Die bibliothekarischen Daten lauten:

Philo <Alexandrinus>: Philonis Iudaei opera omnia : graece et latine / ad ed. Thomae Mangey collatis aliquot Mss. edenda curavit Augustus Fridericus Pfeiffer
Erlangae : Walther 1785 – 1820. – 5 Bde in 4

Signatur: Schop 603 / 318

Arthur Schopenhauer hat das Werk vermutlich gekauft, nachdem es vollständig erschienen war, denn drei der vier Bände sind einheitlich gebunden. Der Band, der den vierten und fünften zusammenführt, ist sehr viel später, das verwendete Papier für den Vorsatz läßt an eine Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg denken, neu gebunden worden. Das hat zur Folge, daß ihm Schopenhauers Exlibris fehlt. Der Buchbinder hat sich aber bemüht, dem Pappband ein sehr ähnliches Überzugspapier zu geben. Die Bände 1 – 3 tragen wie gewöhnlich auf der Innenseite des vorderen Deckels Schopenhauers bekanntes Exlibris.

Schopenhauer hat Philon als Philosophen nicht geschätzt und ihm seine allzugroße Nähe zu theologischer Spekulation vorgeworfen. Damit mag es zusammenhängen, daß sich nur im ersten Band Arbeitsspuren (Anstreichungen und Glossen) Schopenhauers finden. In den gedruckten Werken Schopenhauers gibt es drei, in Arthur Hübschers fünfbändiger Ausgabe des Handschriftlichen Nachlasses vier Stellen, die sich mit Philon beschäftigen.

Das nun vorliegende Exemplar gehört zu den Büchern, die Schopenhauers Testamentsvollstrecker Wilhelm von Gwinner nach dem Tod des Philosophen bei sich behalten hatte. Die drei Bände, die noch im ursprünglichen Einband sind, tragen auf dem Rücken das kleine, querovale Signaturschild der von Gwinnerschen Bibliothek mit der Nummer 226. Auf den vorderen Innendeckeln der Bände 2 und 3 ist von zwei verschiedenen Händen mit Bleistift eingetragen: „Dubl. zu Cg 237“. Für die Provenienzgeschichte bilden diese Daten eine interessante Kette. Die Bände befanden sich im Besitz der Familie von Gwinner / von Wedel bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, vermutlich in dem Gutshaus der Familie in der Altmark. Dort sind sehr viele Bücher und andere wertvolle Gegenstände am Ende des Krieges Plünderungen und Vandalismus zum Opfer gefallen. Ein kleiner Rest der ursprünglich etwa tausend Bücher ist dann in den Verstaatlichungen im Zusammenhang mit der Bodenreform in Sachsen-Anhalt entnommen worden. Der neugebundene vierte Band trägt auf dem Titelblatt einen blauen, querovalen Eigentumsstempel »Stadt-Gymnasium Halle a/S«.

Das Werk ist also ein versprengter Teil der Restmenge, deren größerer Teil in die Universitäts- und Landesbibliothek in Halle gelangt war. Aus der Hallischen Bibliothek konnten die rechtmäßigen Erben die Bände aus Schopenhauers Bibliothek zurückerhalten. In einer großmütigen Geste hat diese Erbengemeinschaft die Bücher im September 2001 dem Frankfurter Schopenhauer-Archiv geschenkt. Wir berichteten darüber.

Die nun hinzugekommene Philo-Ausgabe hat offensichtlich einen anderen Weg genommen und ist irgendwann aus dem ursprünglichen Zusammenhang ins Hallesche Gymnasium gelangt und danach auf nicht rekonstruierbaren Wegen in den Handel gekommen. Jetzt ergänzt sie den weltweit größten zusammenhängenden Bestand an Werken aus der nachgelassenen Bibliothek Schopenhauers.

Frankfurt am Main, 24. März 2004

Zurück zum Seitenanfang
zuletzt geändert am 27. März 2015

Kontakt

Dr. Mathias Jehn
Tel.: 069/ 798-39007
m.jehn@ub.uni-frankfurt.de

Oliver Kleppel
Tel.: 069/ 798-39254
o.kleppel@ub.uni-frankfurt.de

Lesesaal Spezialsammlungen
Mo. - Fr. 10.00 - 20.00 Uhr
Tel.: 069/ 798-39398
ls-spezialsammlungen@ub.uni-frankfurt.de
© 2018 Universitätsbibliothek Frankfurt am Main | Rechtliche Hinweise | Datenschutz | Impressum