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Universitätsbibliothek » Handschriften » Verlust und Wiederauffindung der äthiopischen Handschriften aus der Sammlung Rüppell

Verlust und Wiederauffindung äthiopischer Handschriften aus der Sammlung Rüppell

Ms.or.133
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Ms.or.133: Der biblische König David und der abessinische Kaiser Negus Hezkejas (reg. 1780 - 1786), für den das Psalmenbuch geschrieben wurde

In der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main gab es 2011 den seltenen Fall, dass zwei äthiopische Handschriften, die seit 1945 verschollen waren, wiederaufgefunden und zurückgegeben wurden. Sie gehören zur Sammlung des Frankfurter Afrikaforschers Eduard Rüppell (1794 - 1884), der die insgesamt 23 Handschriften auf einer zwischen 1831 und 1834 unternommenen Äthiopienreise erworben und nach seiner Rückkehr der Stadtbibliothek seiner Heimatstadt geschenkt hatte. Die Sammlung wurde am Ende des 19. Jahrhunderts von dem Orientalisten Lazarus Goldschmidt durch einen wissenschaftlichen Katalog erschlossen. [1]

Während des Zweiten Weltkriegs waren die Handschriften der Sammlung Rüppell zusammen mit den übrigen wertvollen Beständen der Frankfurter Bibliotheken nach Oberfranken ausgelagert. Die Bibliotheksverwaltung befand sich in Mitwitz, wo die Frankfurter Bibliothekare in einem Gasthof arbeiteten. Schon zu Beginn der Auslagerungen 1943 war deutlich geworden, dass der Platz in den in Mitwitz angelegten Depots, insbesondere im dortigen Wasserschloss, bei weitem nicht ausreichen würde, um alle in Sicherheit zu bringenden Bestände aufzunehmen. Daher mussten in 14 weiteren Orten westlich bzw. nordwestlich von Mitwitz weitere Räume angemietet werden, um dort Bücherdepots anzulegen. Schließlich befanden sich rund 450.000 Bücher aus vier städtischen Büchersammlungen (Stadtbibliothek, Rothschildsche Bibliothek, Bibliothek für Kunst und Technik, Bibliothek des Elsaß-Lothringen-Instituts) in Oberfranken. [2]

Nachdem im April 1945 amerikanische Truppen sowohl nach Bayern als auch in das an der nächsten Stelle nur 3 km von Mitwitz entfernte Thüringen eingerückt waren, wurde Ende Juni bekannt, dass Thüringen entsprechend den alliierten Vereinbarungen über die künftigen Besatzungszonen von den Amerikanern an die Russen übergeben werden würde. Daraufhin setzten die Bibliothekare von der Ausweichstelle Mitwitz alle Hebel in Bewegung, um noch vor der Ankunft der russischen Truppen die Depots, die in deren Besatzungszone fallen würden, zu räumen und die dort befindlichen Bücher in die amerikanische Zone nach Mitwitz zu holen. Dieses betraf die beiden in Thüringen liegenden Depots in Heubisch und im Schloss von Almerswind, jedoch auch die drei Depots im oberfränkischen Meilschnitz, weil befürchtet wurde, dass dieser Ort ebenfalls in die russische Zone einbezogen würde.

Ms.or.133
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Vorderdeckel des Psalmenbuchs Ms.or.133, abessinischer Holzband mit Lederüberzug
Insgesamt 60.000 Bücher mussten innerhalb weniger Tage in Kisten transportiert werden. Alle in Mitwitz und Umgebung verfügbaren LKWs und Traktoren wurden dafür aufgeboten, dazu auch amerikanische Armeelastwagen. In einem Wettlauf gegen die Zeit gelang es tatsächlich, gerade noch rechtzeitig alle Bestände nach Mitwitz zu überführen. Bei der Rückkehr von der letzten Räumung passierte aber leider doch noch ein Malheur.

Das Problem waren nicht nur die Standorte der Depots sondern auch die Landstraße von Neustadt bei Coburg nach Mitwitz, auf der die Transporte fahren mussten. Diese berührte damals die Dörfer Heubisch, Mupperg, Fürth a.B. und Liebau und führte somit zweimal über thüringisches Gebiet. [3] Als der letzte Transport am 3. Juli 1945 von Meilschnitz nach Mitwitz zurückfuhr, waren die Russen zwischenzeitlich in diesen Teil Thüringens eingerückt. Vor dem Dorf Heubisch, in dem nunmehr bereits russische Truppen anwesend waren, weigerte sich der Fahrer, weiterzufahren, weil er befürchten musste, dass sein Fahrzeug beschlagnahmt würde.
Stattdessen fuhr der Transport, der aus einem Traktor und zwei mit Bücherkisten beladenen Anhängern bestand, auf Feld- und Waldwegen weiter, erreichte bei Fürth a.B. wieder die Landstraße und gelangte ohne weitere Zwischenfälle nach Mitwitz. Auf dieser Fahrt abseits der Landstraße geriet, vermutlich auf dem hinteren der beiden Anhänger, eine Kiste, die insbesondere sieben äthiopische Handschriften enthielt, ins Rutschen. Es kann davon ausgegangen werden, dass zunächst der Holzdeckel der Kiste aufsprang und nacheinander einzelne Bücher herausfielen, ehe schließlich die Kiste ganz herunterstürzte.

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Inhaltsangabe und Beschreibung des Psalmenbuchs Ms.or.133 im Vorderdeckel, von der Hand Eduard Rüppells

Die Bücher wurden, wie sich im Nachhinein gezeigt hat, von mindestens drei verschiedenen Personen gefunden, möglicherweise hat es aber auch noch weitere Finder gegeben. Auf die Kiste stieß am besagten 3. Juli 1945 ein Mann, der zu Fuß von Neustadt nach Mitwitz unterwegs war, im Wald kurz vor Mitwitz, wie er später angab. Er stellte die drei Bücher, die sich noch darin befanden, sicher, eine äthiopische Handschrift (Goldschmidt Nr. 4, jetzt Ms.or.10) und zwei Drucke. Bei einem Aufenthalt in Frankfurt gab er sie im Juli 1950 an die Bibliothek zurück. Erst durch diesen ehrlichen Finder und Zeugen erfuhr die Stadt- und Universitätsbibliothek, auf welche Weise ihre vermissten äthiopischen Handschriften bei der Auslagerung abhandengekommen waren, da der Verlust der Bücherkiste während des Transports und beim Abladen in Mitwitz unbemerkt geblieben war.
Sechs Handschriften aus der Sammlung Rüppell blieben weiterhin verschollen, und es sollte 30 Jahre dauern, ehe eine weitere nach Frankfurt zurückkehren konnte. Diese wurde im Dezember 1979 in die Landesbibliothek Coburg gebracht. Da die Frankfurter Provenienz nicht auf Anhieb erkennbar war, mussten von Coburg aus umfangreiche und vor allem zeitraubende Recherchen unternommen werden, um festzustellen, was es mit der Handschrift auf sich hatte. Mit Hilfe des Hamburger Äthiopisten Prof. Ernst Hammerschmidt konnte schließlich die Zugehörigkeit zur Frankfurter Handschriftensammlung ermittelt werden und die Handschrift (Goldschmidt Nr. 8, jetzt Ms.or.42) daraufhin im Juli 1980 endlich die Rückreise von Coburg nach Frankfurt antreten.

Wieder vergingen über 30 Jahre bis zum nächsten Fund. Im Jahre 2010 wurden auf einem oberfränkischen Dachboden, nicht weit vom Ort des Verlustes entfernt, beim Aufräumen zwei äthiopische Handschriften gefunden. Es handelt sich um ein Psalmenbuch und um eine ursprünglich im 13. Jahrhundert entstandene Weltchronik, die aus dem Arabischen ins Äthiopische übersetzt worden ist. Beide Handschriften sind im 18. Jahrhundert geschrieben worden (Goldschmidt Nr. 3 und 21, jetzt Ms.or.133 und 134). In diesem Fall war die Frankfurter Provenienz klar erkennbar, so dass die beiden Stücke schon im Januar 2011 nach Frankfurt zurückgeholt werden konnten. Es ist davon auszugehen, dass ein damaliger Hausbewohner, der zur Feldarbeit unterwegs war, die beiden Bände im Juli 1945 gefunden, mitgenommen und auf den Dachboden gebracht hat, wo sie über 65 Jahre unberührt in einem Koffer gelegen haben.
Noch immer sind drei Handschriften aus der Sammlung Rüppell verschollen (Goldschmidt Nr. 1, 2 und 7), außerdem eine 1565 in Genf gedruckte französische Bibel aus der Einbandsammlung.

Bernhard Tönnies



  1. Die abessinischen Handschriften der Stadtbibliothek zu Frankfurt am Main (Rüppell'sche Sammlung), verzeichnet und beschrieben von Lazarus Goldschmidt, Berlin 1897.
  2. An fünf weiteren nahe gelegenen Orten wurden außerdem Bestände der nichtstädtischen Senckenbergischen Bibliothek gelagert.
  3. Die heutige, ausschließlich auf bayerischem Gebiet verlaufende Staatsstraße wurde erst in den 50er Jahren gebaut, nachdem die DDR die Grenze endgültig abgeriegelt hatte.

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zuletzt geändert am 27. März 2015

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