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125 Jahre Rothschild'sche Bibliothek

Vor 125 Jahren, am 3. Januar 1888, wurde die Rothschild'sche Bibliothek in Frankfurt am Main eröffnet. Integriert in die Universitätsbibliothek bilden ihre Bestände heute die historische Quellenliteratur zahlreicher geisteswissenschaftlicher Disziplinen, insbesondere der Sprach- und Literaturwissenschaften, der Germanistik sowie der Theaterwissenschaften. Die Fülle und Vielfältigkeit des Bestandes macht ihren enormen Wert als Ressourcen für die Forschung der Gegenwart aus.

Die "Freiherrlich Carl von Rothschild'sche öffentliche Bibliothek", wie sie ursprünglich hieß, wurde 1887 von Freifräulein Hannah Louise von Rothschild (1850-1892) zum Andenken an ihren am 16. Oktober 1886 verstorbenen Vater, Mayer Carl von Rothschild (geb. 1820), gegründet.

Titelseite der Kleinen Presse vom 9.4.1891
Titelseite der Kleinen Presse vom 9.4.1891

Leitidee der neuen Bibliothek war die "Free Public Library" aus England, die allen Bevölkerungsschichten mit kostenlosen Angeboten zur Weiterbildung zur Verfügung stehen sollte. Geformt nach diesem in Deutschland bislang noch unbekannten Vorbild, sollte die Gründung der Bibliothek den Anspruch verwirklichen, Wissenschaft und Volksbildung zu verbinden. Durch die engen Kontakte zu den Verwandten ihrer Mutter sowie durch die anglophile Erziehung zu Hause war Hannah Louise bestens mit den englischen Verhältnissen vertraut. Die Bibliothek war als eine Form der Volksbibliothek konzipiert, die der "ernsthaften Bildung und wissenschaftlicher Belehrung" dienen und auch dem akademisch nicht gebildeten Publikum die Literatur aller Völker zugänglich machen sollte.

In enger Zusammenarbeit mit dem Bibliothekar Christian Wilhelm Berghoeffer leitete Hannah Louise den Aufbau der Bibliothek und übernahm bis zu ihrem Tode alle Kosten. Bei der Eröffnung umfasste die Bibliothek etwa 3.500 Titel zur Kunst- und Literaturwissenschaft in den europäischen Sprachen sowie Jugendschriften und Schulbücher. Die zukünftige Erwerbungspolitik sollte sich gezielt auf den Ankauf zeitgenössischer deutscher, französischer und englischer Literatur sowie auf die Fächer Handelswissenschaften, Theologie und Bibliothekswissenschaft richten. Damit stellte die Bibliothek der Allgemeinheit die Literatur für die damals noch jungen und in der Stadt wenig gepflegten Disziplinen Kunst- und Musikwissenschaft, neuere Philologie, Volkskunde und vergleichende Sprachwissenschaft zur Verfügung. Zudem bestand von Anfang an der Auftrag, alles zusammenzutragen, was in Büchern, Zeitschriften und Zeitungen über die Familie Rothschild veröffentlicht oder von Familienangehörigen verfasst wurde, eine Aufgabe, die heutzutage die größte Bedeutung erlangt hat. Bis zum Ende des Jahres 1892 war der Bestand auf mehr als 13.000 Titel angewachsen, von denen etwas mehr als ein Drittel als Geschenk in die Bibliothek gelangt waren. Die erste Adresse der Bibliothek war das Haus in der Bethmannstraße 1.

Die Benutzungsordnung entsprach der Benutzerfreundlichkeit des angelsächsischen Modells und ermöglichte einen nahezu uneingeschränkten und völlig kostenlosen Zugang zur Bibliothek für die Bewohner Frankfurts und der Nachbargemeinden.

Die ausgedehnten Öffnungszeiten trugen der Berufstätigkeit der angesprochenen Lesergemeinde Rechnung, an allen sechs Wochentagen war die Bibliothek bis 20 Uhr abends und sonntags am Vormittag geöffnet. Gegen eine geringe Gebühr konnten die gewünschten Bücher auch durch einen Bibliotheksangestellten frei Haus geliefert und ausgeliehene Bücher nach der Benutzung von da zurückgeholt werden. Die rege Benutzung der Bibliothek, deren Leser aus allen Bevölkerungsschichten stammten, zeugte von ihrer ausgesprochene Popularität, für das Jahr 1894 ist der Besuch von durchschnittlich 93 Nutzer pro Tag belegt. Handwerker und Kaufleute stellten mit 40% die größte Gruppe, auffallend ist auch die große Anzahl weiblicher Nutzer.

Nach dem frühen und unerwarteten Tod der 41-jährigen Hannah Louise im Jahre 1892 sicherten ihre Mutter Louise und ihre Schwestern den Fortbestand der Bibliothek durch die Einrichtung einer öffentlich-rechtlichen Stiftung. Zur Erstausstattung gehörten das Domizil der Bibliothek in der Bethmannstraße 1 und ein Kapital von einer Million Mark.
Im Jahre 1895, nach dem Tod der Mutter Freifrau Louise von Rothschild, bewiesen die mittlerweile im Ausland lebenden Töchter ihrer ehemaligen Vaterstadt Frankfurt erneut ihre Verbundenheit: das Rothschildsche Familienhaus am Untermainkai 15 wurde auf Kosten der Familie zu Bibliothekszwecken umgebaut und der Bibliothek übergeben.

Im Jahr 1905 wurde durch eine weitere großzügige Spende der Rothschildtöchter aus Wien, London und Paris der Ankauf und Umbau des Nachbargebäudes Untermainkai 14 ermöglicht und die Bibliotheksräume erweitert.

Diese Bibliothek stellte damals in Frankfurt eines der modernsten und am besten ausgerüsteten Gebäude dar. Als eine der ersten öffentlichen Einrichtungen war sie voll elektrifiziert und mit großzügigen Lesesälen, einer Niederdruckheizung, einem Bücherlastenaufzug und einem neuartigen Regalsystem ausgestattet.

1928, nach der Entwertung des Stiftungsvermögens durch die Inflation, wurde die Bibliothek von der Stadt Frankfurt am Main übernommen und als selbständige Abteilung der damaligen Stadtbibliothek angegliedert, die Leitung Joachim Kirchner übertragen.

Kirchner, ein überzeugter Nationalsozialist und seit Februar 1933 Mitglied der NSDAP, wurde im April 1933 vom Oberbürgermeister zum Beauftragten der Säuberung der städtischen Schüler-, Lehrer- und Volksbüchereien ernannt. Die Rothschildsche Bibliothek wurde die erste Frankfurter Bibliothek, in der "undeutsches Schrifttum" nur noch bei Nachweis eines wissenschaftlichen Zwecks ausgeliehen wurde. Auf Betreiben von Kirchner wurde die Rothschildsche Bibliothek bereits am 30. Dezember 1933 in "Bibliothek für neuere Sprachen und Musik (Freiherrlich Carl von Rothschildsche Bibliothek)" umbenannt, der Klammerzusatz im November 1935 gestrichen. Weitere Erinnerungen an die Stifterfamilie im Gebäude wurden entfernt und alle Hinweise auf den Namen Rothschild getilgt. In dem 1936 herausgegebenen Führer durch die Frankfurter Bibliotheken ist zu lesen, die Bibliothek sei "(...) in zwei großen geräumigen Patrizierhäusern, die am Mainufer in der Nähe des Schauspielhauses gelegen sind, untergebracht ..." und 1887 als "Familienstiftung" entstanden. Die Eingliederung der Bestände in die im Oktober 1945 umgesetzte Neustrukturierung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main führte dann zum endgültigen Verlust der Selbständigkeit der Rothschildschen Bibliothek und zum Verschwinden des Namens in der Frankfurter Bibliothekslandschaft. Der Bestand hat den Krieg unbeschadet überstanden und ist heute wichtiger Teil der Frankfurter Universitätsbibliothek. Die Presseschau zur Familie Rothschild, vor 125 Jahren in Angriff genommen, ist mittlerweile digitalisiert und steht online zur Verfügung:
http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/rothschild


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Die Sammlung enthält Artikel der nationalen und internationalen Presse aus den Jahren 1886-1916, die sich auf die Familie Rothschild und das Bankhaus beziehen. Es handelt sich um rund 20.000 Artikel, in 31 Bänden chronologisch zusammengefasst, die in ihrer Zusammensetzung als historische Ressource ein Unikat darstellen. Weitere Bestände zur Familie Rothschild, darunter Bücher, Aufsätze, Bildnisse, Karikaturen sowie Entwürfe zu Denkmälern sind ebenfalls bereits online verfügbar.
http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm

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zuletzt geändert am 27. März 2015

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