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Universitätsbibliothek » Publikationen » Ausstellung: Franz Lennartz

Franz Lennartz

Ausstellung in der Frankfurter Universitätsbibliothek vom 1. März - 31. März 2010

Universitätsbibliothek Frankfurt am Main
3. Obergeschoss
60325 Frankfurt am Main
Bockenheimer Landstraße 134-138


U4, U6, U7 (Station «Bockenheimer Warte»)

Öffnungszeiten:
Montag - Freitag 9.00 Uhr - 19.00 Uhr
Samstag und Sonntag geschlossen

Franz Lennartz wurde am 20. März 1910 als Sohn eines Kaufmanns im rheinischen Rheydt geboren und wuchs dort als jüngstes von fünf Kindern auf. Nach dem Abitur (1929) studierte er in Bonn, Köln und Berlin Germanistik, Philosophie und Geschichte. Schon früh trat er als Autor, Feuilletonist und Literaturkritiker hervor und schrieb für Zeitungen und Zeitschriften. In Berlin lernte er seine Frau Gudrun, geb. Dux kennen (Heirat 1935) und arbeitete als Lektor für Rundfunk und Film (Universum Film, UFA).

Bereits früh interessierte Lennartz sich für die zeitgenössische Literatur, sammelte Material, korrespondierte mit Autoren und verfasste Darstellungen zu ihrem Leben und Werk. Sein Band Dichter unserer Zeit. 275 Einzeldarstellungen zur deutschen Dichtung der Gegenwart (1938) wurde als »Literaturführer für jedermann« mehrfach aufgelegt und erweitert. Während des Zweiten Weltkriegs war er als Offizier zuletzt in Breslau stationiert und geriet dort 1945 in sowjetische Gefangenschaft, aus der er erst fünf Jahre später zurückkehrte. Fortan widmete er sich ganz der Weiterarbeit an seinen Autorenlexika Deutsche Dichter und Schriftsteller unserer Zeit (elf Auflagen) und Ausländische Dichter und Schriftsteller unserer Zeit (fünf Auflagen), die, jeweils gründlich überarbeitet, bald zum Standardnachschlagewerk der literarisch Interessierten und zu den meist gelesenen Literaturlexika im deutschsprachigen Raum gehörten. In seinen Darstellungen behandelt Lennartz, ein Meister der knappen Charakteristik, die Autoren und Werke nicht im Sinne der fachwissenschaftlichen Darstellung, sondern er beleuchtet sie feuilletonistisch und sprachlich vielschichtig in essayistischen Kabinettstückchen, zeigt sie im Spiegel der Kritik und Kontext ihrer Epoche. Biografische und bibliografische Details recherchierte er mit großer Sorgfalt, was Marcel Reich-Ranicki veranlasste, vom »Lennartz« als dem »zuverlässigen Lexikon« zu sprechen, und Uwe Johnson befand: »alles ist da«.

Franz Lennartz (rechts) als Kind in Rheydt
 

Lennartz zog 1960 von Berlin nach Kirchhofen bei Freiburg und von dort 1967 nach Salem am Bodensee. Enge Freundschaften verbanden ihn mit dem Literaturwissenschaftler Bruno Hillebrand (Mainz) und der Schweizer Dichter Dino Larese (Amriswil). 1987 erwarb das Deutsche Literaturarchiv des Schiller-Nationalmuseums den Briefwechsel von Franz Lennartz mit den von ihm behandelten deutschsprachigen Autoren, ca. 1.700 Korrespondenzen (unter Anderem mit Robert Musil, Franz Kafka, Ernst Jünger, Gerhart Hauptmann, Gottfried Benn, Paul Celan, Bertolt Brecht, Heinrich Böll, Carl Zuckmayer). Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit pflegte er sein über Jahrzehnte gewachsenes Archiv zur Literatur und zu Themen der Zeitgeschichte (Sondersammlungen u.a. zu Goethe, Napoleon, Picasso), sammelte neben Tausenden Büchern ein nahezu unüberschaubares Konvolut an Artikeln, Notizen, Rezensionen und Beiträgen deutschsprachiger und internationaler Publikationen. Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG), der Hessischen Kulturstiftung für Wissenschaft und Kunst und des S. Fischer Verlages erwarb die Universitätsbibliothek Frankfurt am Main 1990 komplett diesen wichtigen Teil seines Lebenswerkes, der heute Teil des dortigen Archivzentrums ist (Sammlung Franz Lennartz zur deutschen Literatur) ist.

Der Fundus umfasst rund 900 Meter, etwa drei Viertel davon sind wissenschaftlich, z.B. über eine im Internet einsehbare Autorenliste, erschlossen. Neben den Zeitungsausschnitten und Materialsammlungen zu einzelnen Schriftstellern und Epochen umfasst das Frankfurter Franz-Lennartz-Archiv auch seine eigenen Manuskripte, Briefwechsel, Bücher, Sonderdrucke sowie Werbematerialen von Verlagen. Beachtlich ist die Sammlung der Widmungsbücher, mit den Autographen der Schriftsteller Bertolt Brecht, Marie Luise Kaschnitz, Wolfgang Köppen, Hanns-Josef Ortheil, Anna Seghers, Fritz Usinger und vielen anderen, die wir heute allenfalls noch im Internet recherchieren können. Weiterhin sind die Briefe ausländischer Schriftsteller in Frankfurt erhalten, mit denen sie auf ihre Darstellung in den Lexika reagierten und Vorschläge machten. Zufrieden waren sie durchaus nicht alle, auch die ausländischen Dichter nicht, Francois Mauriac hielt den ihn betreffenden Artikel allerdings für »tout à fait correcte«, T.S Eliot schrieb »there is nothing in the article to which I object« und W.S. Maugham korrigierte nur »I didn't study medicine at Oxford but at St.Thomas's Hospital London«. Kaum noch nachvollziehbar scheint heute, dass manche Autoren nach dem zweiten Weltkrieg zwar ihre Bücher schickten, um in Werke von Franz Lennartz aufgenommen zu werden, dass sie aber darum baten, diese »nach Gebrauch« wieder zurückzuschicken, so rar waren Bücher in der Nachkriegszeit.

Mit seiner ausgeprägten Sammelleidenschaft setzte Franz Lennartz u.a. auch die Tätigkeit seines Schwiegervaters fort, der in umfänglichen Sammlungen von Originaldruckwerken über Kunstdruckpostkarten bis hin zu Theaterprogrammen ein zeitgenössisches Panorama schuf, das in Archiven, Bibliotheken und wissenschaftlichen Forschungsinstitutionen normalerweise so nicht zusammengestellt und archiviert wird. Man findet in zahllosen Archiveinheiten so manches, was normalerweise gar nicht gesammelt wird, wie Bierdeckel zum Thema Zille oder Reklamezettel von Verlagen, die in deren eigenen Archiven nicht überleben konnten.

Franz Lennartz veröffentlichte seine Lexika im Verlag Alfred Kröner Stuttgart. In einem Interview der ZDF-Sendung »Aspekte« wurde 1985 die Auflage seiner Bücher mit 270.000 Exemplaren angegeben, ein respektables Ergebnis, da es sich hier um Nachschlagewerke bzw. Sachliteratur handelt. Anders als der »universitäre« Lexikograph Gero von Wilpert, der ebenfalls bei Kröner publizierte, arbeitete Lennartz journalistisch auf der Basis seines sich ständig erweiternden Archivs, das in aus Tapeten geschnittenen Mappen, Gurkenschachteln und Bananenkisten geordnet wurde. Das Haus in Salem-Beuren wurde im Blick auf die immensen Sammlungen statisch stärker konstruiert.

Der kritische Blick auf die Dichter, um 1990
 
Obwohl noch heute nahezu alle wissenschaftlichen Bibliotheken und germanistischen Fachbereiche seine Lexika aufweisen, war das von Franz Lennartz ins Auge gefasste Publikum nicht das der Universität, sondern die breite Bevölkerung, die sich für die »Dichter unserer Zeit« interessierte. Von daher wurden im Verlauf der rund fünfzig Jahre, in denen seine Bücher angeboten wurden, nicht nur neue Autoren hinzugenommen, sondern auch viele ausgemustert. Insbesondere war dies natürlich nach 1945 der Fall. Hier ist immer wieder die Frage gestellt worden, wie es denn überhaupt möglich sei, dass ein Lexikograph, der ja die formale Datenpräsentation jeweils mit einer plastischen Schilderung der Dichterpersönlichkeit verband, sowohl in der Zeit des Nationalsozialismus wie auch später erfolgreich gewesen sein könne. In der Tat wurden die Lexika des Franz Lennartz nach dem zweiten Weltkrieg mancherorts zunächst auch auf schwarzen Listen geführt. Das dauerte jedoch nicht lange, und im Jahre 1952 erschien der erste Nachkriegs-Lennartz. Natürlich waren Heinrich Anacker und Baldur von Schirach hier nicht mehr dabei, jedoch um die achtzig Autoren, die bereits 1941 vertreten waren. In sein Privatexemplar der »Dichter unserer Zeit« aus dem Jahre 1941 notierte Lennartz: »Das Vorwort und der Text über Schirach stammen von der Redaktion, Zugeständnisse des Verlags an die parteiamtliche Prüfungskommission, um die Druckerlaubnis und Papier zu bekommen.« Übrigens war »der Lennartz« in der DDR bis 1989 im Bereich der grundlegenden literaturgeschichtlichen und literaturwissenschaftlichen Werke zusammen mit den Werken von Hans Mayer, Walter Hinderer und Marcel Reich-Ranicki von der freien Benutzung ausgenommen.

Auch in der Bundesrepublik blieb »Lennartz« nicht ohne Kritik, wenn sie auch nicht unbedingt aus der Richtung kam, wie man sie heute aus retrospektiver Sicht erwartete. So schrieb ein Kritiker, schon beim oberflächlichen Durchblättern sehe man, dass die Auswahl der Schriftsteller »recht einseitig« ist. Jedenfalls falle einem auf, dass beispielsweise die sudetendeutschen und südostdeutschen Autoren fehlen, und es sei doch heute allgemein bekannt, dass die stärksten Gegenkräfte gegen die so gefürchtete Bolschewisierung nicht in der Asphaltliteratur, sondern gerade in der heimatverbundenen Dichtung zu finden sind. Die sog. 68er Generation hingegen fand bei Lennartz mehrheitlich Konservatives und »Rechtes«. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Lennartz 1969 nicht nur Gerhard Zwerenz, sondern neun Jahre später auch Franz-Josef Degenhard mit einem ausführlichen Artikel als Schriftsteller aufnahm, wobei sich seine Darstellung nicht nur auf den Roman »Zündschnüre«, sondern vor allem auch auf seine poetisch-hintergründigen Liedtexte bezieht.

Wenig bekannt ist, dass Franz Lennartz sich auch als Romancier versuchte, allerdings wurden seine wenigen Manuskripte niemals gedruckt. Eines davon war der Roman »Mädchen in der Etappe«, vorwiegend handelnd von Wehrmachtshelferinnen und ihren Offizieren im ausgehenden zweiten Weltkrieg. Lennartz selbst schrieb darüber: Es ist vor allem der Roman einer jungen Bürgerstochter, die, wie ungezählte Mädchen ihrer unglücklichen »Generation ohne Beispiel«, als Wehrmachtshelferin in die Kaserne eingezogen, dort verführt, gedemütigt, irregeführt und schließlich zur Revolte gegen die ausschließlich männlich bestimmte Welt gezwungen wird. Sie wird ebenso um ihre Jugend betrogen. Dieses Buch, das »irgendwo in Deutschland« spielt, ist kein Schlüsselroman. In ihm ist eine überpersönliche Welt gestaltet, so, wie sie »ist, nicht aber, wie mancher sie sich wünscht«.

Aus Anlass des 85. Geburtstages von Franz Lennartz wurde 1995 in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main eine sehr umfangreiche Ausstellung gezeigt, in Teilen 1996 dann auch in der Universität Konstanz. Bei der ersteren konnte der Frankfurter Schriftsteller Herbert Heckmann (1930-1999) als Redner gewonnen werden, und auch Marcel Reich-Ranicki sagte sofort und ohne Honorar zu und hob während der Eröffnungsveranstaltung hervor, dass die Ausgaben des »Lennartz insbesondere in den ersten Jahrzehnten nach 1945 ein unverzichtbares Material für jeden Literaturinteressierten« darstellten. In den Widmungen der jeweils neuen Bücher heißt es oft: für Franz Lennartz, den »verdienstvollen Kollegen«, »dessen Bücher ich oft benutze« oder »dessen Büchern ich viel verdanke«. Dies ging und geht vielen von uns Älteren genau so, auch in vielen privaten Bücherschränken stehen noch heute die Lennartzschen Lexika, und sei es in der Form der historischen Kompilation einer Taschenbuchausgabe, die der Kröner Verlag noch 1984 veranstaltete. Der etwas hölzerne Titel dort »Deutsche Schriftsteller des 20. Jh. im Spiegel der Kritik« wird zwar der lexikographischen Leistung von Franz Lennartz nicht gerecht, das Werk versammelt jedoch die einzelnen Lexikonartikel historisch vollständig und weist auf die Veränderungen bei den jeweiligen Auflagen hin.

Franz Lennartz mit Frau Gudrun um 1990
 
Franz Lennartz starb am 16. Januar 2003 in seinem Haus in Salem-Beuren. Am 20. März 2010 wäre er 100 Jahre alt geworden. Er selbst hat zu Recht bezüglich seiner Arbeiten immer die unermüdliche Mitwirkung seiner Frau hervorgehoben, die noch hoch betagt in Salem weiter Zeitungsausschnitte zur Literatur sammelte. Einige Ehrungen wurden ihm, der in gewisser Weise ein Einzelkämpfer im Literaturbetrieb war, zuteil, Ehrenbriefe aus dem In- und Ausland und das Bundesverdienstkreuz am Bande (1999).

Die Universitätsbibliothek Frankfurt ehrt ihn, fünfzehn Jahre nach der großen Frankfurter Ausstellung im März des Jahres 2010 mit einer kleinen Replik im dritten Stock der Bibliothek:

Universitätsbibliothek Frankfurt am Main
Bockenheimer Landstraße 134-138
60325 Frankfurt am Main
Öffnungszeiten der Ausstellung : Mo-Fr 9.00 - 19.00 Uhr

Werke von Franz Lennartz

Die Dichter unserer Zeit. Einzeldarstellungen zur deutschen Dichtung der Gegenwart. Kröners Taschenausgabe Band 217. Stuttgart: Kröner Verlag 1938. 2. Aufl. 1939. 3. Aufl. 1940. 4. Aufl. 1941. 5. Aufl. 1952

Dichter und Schriftsteller unserer Zeit. Einzeldarstellungen zur Schönen Literatur in deutscher Sprache. Kröners Taschenausgabe Band 217. Stuttgart: Kröner Verlag 1954 (6. Aufl.). 7. Aufl. 1957

Deutsche Dichter und Schriftsteller unserer Zeit. Einzeldarstellungen zur Schönen Literatur in deutscher Sprache. Kröners Taschenausgabe Band 217. Stuttgart: Kröner Verlag 1959 (8. erw. Aufl.). 9. erw. Aufl. 1963. 10. erw. Aufl. 1969

Deutsche Schriftsteller der Gegenwart. Einzeldarstellungen zur Schönen Literatur in deutscher Sprache. Kröners Taschenausgabe Band 217. Stuttgart: Kröner Verlag 1978 (11. erw. Aufl.)

Ausländische Dichter und Schriftsteller unserer Zeit. Einzeldarstellungen zur Schönen Literatur in fremden Sprachen. Kröners Taschenausgabe Band 217. Stuttgart: Kröner Verlag 1955. 2. erw. Aufl. 1957. 3. erw. Aufl. 1960. 4. erw. Aufl. 1971 und 1976.

Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts im Spiegel der Kritik. 845 Einzeldarstellungen mit Werkregister und dokumentarischem Anhang. Mit einem Vorwort von Imma Klemm. 3 Bände in Kass. und Registerband. Stuttgart: Kröner Verlag 1984

Weblink

» http://www.ub.uni-frankfurt.de/archive/lennartz.html

Literatur

Art. Franz Lennartz, in: Internationales Germanistenlexikon 1800 -1950, hrsg. von Christoph König, CDROM - Version, Berlin: de Gruyter, 2003

Rune, Doris: Franz Lennartz' Literaturführer im Dritten Reich und nach 1945: Studien zum Inhalt. - (Maschinenschr. vervielf.) - Stockholm: Universitet, 1969

Schmidt, Wilhelm Richard: Franz-Lennartz-Archiv in Frankfurt am Main. In: Begegnung - Amriswil (1992) H. 23, o. Pag.

Sabine Homilius, Wilhelm R. Schmidt, Franz Lennartz. Zeitgenosse und Sammler, Lexikograph und Feuilletonist. Begleitbuch zur Ausstellung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, 15. November bis 15. Dezember 1995. Frankfurt 1995

Wilhelm R. Schmidt, Tapetenmappe, Gurkenschachtel und Bananenkiste: Der Lexikograph Franz Lennartz ist tot. In: Uni-Report 36 (2003), 2, S. 11.

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zuletzt geändert am 27. März 2015

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