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Johann Christian Senckenberg und seine Stiftung

Als junger Student lernte Johann Wolfgang Goethe den damals 61-jährigen Frankfurter Stifter Johann Christian Senckenberg kennen. Stolz führte ihn der Arzt im Oktober 1768 über das noch im Aufbau begriffene Stiftungsgelände am Eschenheimer Tor, wo ein beheizbares Gewächshaus und das Theatrum anatomicum zur Fortbildung der Frankfurter Ärzte entstand. Später erinnerte sich Goethe in »Dichtung und Wahrheit«:

»Er war immer sehr nett gekleidet, und man sah ihn nie anders auf der Straße als in Schuh und Strümpfen und einer wohlgepuderten Lockenperücke, den Hut unterm Arm. Er ging schnell, doch mit einem seltsamen Schwanken vor sich hin, so dass er bald auf dieser bald auf jener Seite der Straße sich befand, und im Gehen ein Zickzack bildete. Spottvögel sagten: er suche durch diesen abweichenden Schritt den abgeschiedenen Seelen aus dem Wege zu gehen, die ihn in gerader Linie wohl verfolgen möchten. ...
Doch aller dieser Scherz und manche lustige Nachrede verwandelte sich zuletzt in Ehrfurcht gegen ihn, als er seine ansehnliche Wohnung mit Hof, Garten und allem Zubehör, auf der Eschenheimer Gasse, zu einer medizinischen Stiftung widmete.«

Als Sohn des Frankfurter Stadtarztes Johann Hartmann Senckenberg am 28. Februar 1707 in der Hasengasse geboren, sollte Johann Christian einst in die Fußstapfen des Vaters treten. Der promovierte Arzt Johann Hartmann und seine Frau Anna Margarethe Raumburger hatten fünf Kinder: Heinrich Christian (1704-1768), Johann Christian (1707-1772), Conrad Hieronymus (1709-1739), Catharina Margarethe (1712-1713) und Johann Erasmus (1717-1795).

Der erstgeborene Sohn war beruflich am erfolgreichsten. Als Kaiser Franz I. 1745 zur Krönung in Frankfurt weilte, ernannte er den renommierten Staatswissenschaftler Heinrich Christian Senckenberg zum Reichshofrat.
Johann Erasmus, der jüngste Bruder, galt als einer der fähigsten Rechtsanwälte Frankfurts, obwohl er sich nach Studienabbruch alle Kenntnisse autodidaktisch angeeignet hatte. Von seinem einflussreichen Bruder Heinrich Christian und dem Kopf des Frankfurter Patriziats Friedrich Maximilian von Lersner protegiert, wurde er 1746 in den Rat der Stadt gewählt. Dort bekämpfte er mit allen Mitteln die Vormachtstellung der adeligen Patriziergesellschaft Alten Limpurg und warf den Kollegen im Rat, teilweise zu Recht, Unfähigkeit, Korruption und andere Verfehlungen vor. Wegen der Verbreitung von Druckschriften, die das Ansehen der Stadt und des Rats schädigten, wurde er 1769 in der Hauptwache eingekerkert. Ohne dass jemals ein Urteil ergangen war, verstarb das schwarze Schaf der Familie Senckenberg 26 Jahre später an Altersschwäche in seiner Zelle.
Obwohl Johann Christian Senckenberg immer wieder vergeblich versuchte, mäßigend auf den zehn Jahre jüngeren Erasmus einzuwirken, teilte er im Grunde genommen dessen Kritik an dem Regiment der Patrizierfamilien im Rat. Viele Jahre später sorgte er dafür, dass der Rat keinerlei Zugriff auf das Kapital seiner Stiftung erhielt.

Die Jugend Johann Christian Senckenbergs war von den Folgen des großen »Christenbrands« im Juni 1719 überschattet. Als er 12 Jahre alt war, brannte das Wohnhaus »Zu den Drei Kleinen Hasen« der Familie Senckenberg ab. Die großen finanziellen Belastungen, die der Wiederaufbau mit sich brachte, verzögerten den Studienbeginn des wissbegierigen Jungen - trotz des 100-Gulden-Stipendiums, das der Rat der Stadt 1723 bewilligte. Die Wartezeit überbrückte Johann Christian Senckenberg mit einer Hospitation beim Leibarzt der von Solms, anatomischen und chirurgischen Studien bei den Frankfurter Stadtärzten Büttner und Grambs sowie Unterweisungen in praktischer Heilkunde durch den Vater. Im für damalige Verhältnisse fortgeschrittenen Alter von 23 Jahren nahm er im April 1730 an der Universität Halle das lange herbeigesehnte Medizinstudium auf.

Voller Elan hörte er Vorlesungen in Medizin und in Botanik, die seinerzeit noch eine medizinische Hilfswissenschaft darstellte. In theologische Auseinandersetzungen verstrickt, musste Senckenberg im Juli 1731 das Studium abbrechen. Tief religiös, hatte er sich bereits in jungen Jahren vom Staatskirchentum abgewandt und stand mit Pietisten, Inspirationsgemeinden und Herrnhutern in Verbindung. Im April 1732 kehrte er nach Frankfurt zurück und begann, vom Sanitätsamt stillschweigend geduldet, auch ohne Approbation als Arzt zu praktizieren. Mit Hilfe seines älteren Bruders Heinrich Christian holte Senckenberg 1737 in Göttingen die Promotion nach. Im Besitz der offiziellen Zulassung als Arzt in Frankfurt folgte Senckenberg dem väterlichen Vorbild und engagierte sich zunächst als Physicus extraordinarius und seit 1755 als Physicus ordinarius für das Gesundheitswesen der Heimatstadt.

Rebecca Senckenberg
Johanna Rebecca Senckenberg
Gemälde von Anton Sturm
Die 1742 geschlossene Ehe mit der betuchten Juwelierstochter Johanna Rebecca Riese wurde zu Senckenbergs glücklichstem Lebensabschnitt. Als Nachbarskinder aufgewachsen, kannten sich die Eheleute von klein auf. Der junge Vater war untröstlich, als Johanna Rebecca am 26. Oktober 1743 eine Woche nach der Geburt einer Tochter am Kindbettfieber verstarb. Das Töchterchen überlebte die Mutter nur um zwei Jahre.
Das Erbe der ersten Ehefrau bildete neben Senckenbergs ärztlichen Einkünften den Grundstock für das spätere Stiftungsvermögen. Wohl auch zur Versorgung des Kindes hatte der Witwer nach Ablauf des Trauerjahrs im Dezember 1744 mit Katharina Rebecca Mettingh zum zweiten Mal den Bund der Ehe geschlossen. Aber auch die zweite Gattin verstarb Ende 1747 an den Spätfolgen einer Geburt. Der im Juni 1747 geborene Sohn war schon mit dreieinhalb Monaten an Tuberkulose verschieden.
Nach diesen traurigen Ereignissen wagte Senckenberg 1754 eine dritte Ehe mit der Witwe Antonetta Elisabetha Ruprecht. Beide Ehepartner bereuten schon bald diesen Schritt und lebten seit Juni 1756 getrennt voneinander. Vier Monate später starb auch seine dritte Ehefrau, nachdem Senckenberg sie bis zuletzt ärztlich behandelt hatte. Fortan kreisten die Gedanken des 49-Jährigen verstärkt um die Gründung einer Stiftung zur Hebung des Frankfurter Medizinalwesens.

In dem gedruckten Hauptstiftungsbrief vom 18. August 1763 nannte Johann Christian Senckenberg die schweren Schicksalsschläge, die »Ermangelung ehelicher Leibes-Erben« sowie die Liebe »zu meinem Vaterland« als Beweggründe, sein gesamtes Vermögen zu stiften. Der Hauptzweck der Stiftung war auf die »bessere Gesundheits-Pflege hiesiger Einwohner, und Versorgung der armen Kranken gerichtet« (1, S. 236). Der Stifter setzte ein von den protestantischen Ärzten Frankfurts noch zu bildendes Collegium medicum als Erben ein und bestimmte die vier Stadtärzte zu Testamentsvollstreckern. Die Zinsen des 95.000 Gulden betragenden Stiftungskapitals mussten zu zwei Dritteln zur Förderung der Heilkunde verwandt werden. Zunächst dienten sie allein dem Unterhalt des zum Stiftsgebäude umgewidmeten Wohnhauses Senckenbergs mit Bibliothek und Sammlungen. Das dritte Drittel der Zinserträge hatte Senckenberg zum Besten armer Kranker, bedürftiger Arztwitwen und -waisen sowie alter Ärzte vorgesehen. Bis Ende 1765 auf 100.000 Gulden aufgerundet, ließ Senckenberg das Stiftungsvermögen vom Frankfurter Rechneiamt verwalten.

Im Stiftshaus in der Hasengasse sollte sich das Collegium medicum mindestens einmal im Monat einfinden, um zu beraten, »was zu besserer Ausübung der hiesigen Gesundheits-Pflege und Versorgung armer Kranken erforderlich seyn mögte« (1, S. 238). Bereits zu dieser Zeit plante Senckenberg, das zentral gelegene Stiftshaus durch ein Gebäude mit Gartengelände am Stadtrand zu ersetzen. Dort sollten ein anatomisches Theater, ein chemisches Laboratorium und ein botanischer Garten mit Gewächshaus angegliedert werden. Indem Senckenberg der »Wissenschaft einen Tempel« errichtete, eröffnete er dem zuvor auf soziale Bereiche festgelegten Stiftungswesen ein neues Betätigungsfeld.

Seine größte Sorge war die dauerhafte Selbstständigkeit der Stiftung: »Meine Stiftung soll allezeit separiert bleiben und niemals vermengt mit Stadtsachen, damit nicht die Gewalt darüber in fremde Hände komme, die den heilsamen Endzweck vereiteln«, schrieb er 1752 auf einem der von ihm in großer Zahl hinterlassenen »Tagebuchzettel« (2, S. 13 f.). Das war noch vor der Gründung seiner Stiftung.

Heinrich Christian Senckenberg
Ein Jahr nach Abfassung des Hauptstiftungsbriefs fügte er mit Hilfe seines älteren Bruders Heinrich Christian einige Ergänzungen hinzu, um dem Rat auch in Zukunft jede Zugriffsmöglichkeit auf das Stiftungskapital zu verbauen. So sollte dieser das Kapital lediglich verwalten und die Jahresrechnungen prüfen. Außerdem übertrug der Stifter seinem älteren Bruder und dessen männlichen Nachkommen Mitspracherechte in der Stiftungsadministration. Der Rat fühlte sich durch diese Zusätze brüskiert und erteilte ihnen erst nach wochenlanger Wartezeit eine offizielle Bestätigung. Die Stiftung führt seither den Namen »Dr. Senckenbergische Stiftung« und ein Siegel mit dem einen brennenden Berg darstellenden Wappen der Familie Senckenberg und der Überschrift: »Fundatio Senckenbergiana amore Patriae« (Senckenbergische Stiftung aus Liebe zur Vaterstadt).

Inhaltlich erweiterte Senckenberg den Stiftungszweck um einen ganz entscheidenden Aspekt: die Gründung des »Bürger- und Beysassen-Hospitals«. Anfang 1766 erwarb er für 23.000 Gulden ein rund drei Hektar großes Gelände am Eschenheimer Tor, das auf der einen Seite von der Stadtmauer begrenzt wurde. Das an der Eschenheimer Gasse gelegene Hauptgebäude wurde bis Ende 1767 zum Stifts- und Wohnhaus mit Bibliothek, Versammlungsraum und chemischem Laboratorium umgebaut. An der Außenwand des Nordflügels kam mit einer Sondergenehmigung des Rats und nach persönlichen Entwürfen Senckenbergs die Gruft des Stifters zur Ausführung. Dort wollte er, »noch im Tode, wenigstens dem Leibe nach, bei seiner Stiftung sein« (1, S. 277).

Als Johann Christian Senckenberg 1768 in das Stiftshaus am Eschenheimer Tor einzog, glich das übrige Gelände noch einer Baustelle. Kurz hintereinander begannen im Frühjahr und im Sommer 1768 die Bauarbeiten für ein beheizbares Gewächshaus und das Theatrum anatomicum. Der Vorlesungsbetrieb konnte 1776 beginnen. Wohlweislich hatte Senckenberg dem Medizinischen Institut mit Bibliothek, Sammlungen, Labor, Anatomie und Garten den Vorrang vor dem Hospitalgebäude gegeben: »Wenn der Tod mich überraschen sollte, ehe mein Werk ganz vollendet, so wird das Krankenhaus nicht dabei leiden, aber desto eher möchte man vergessen, dass ich der Wissenschaft einen Tempel bauen wollte« (4, S. 51).

Bürgerhospital
Das alte Bürgerhospital
Am frühen Abend des 9. Juli 1771 griff der Stifter selbst zur Maurerkelle, um an der Ecke »Hinter der Schlimmen Mauer« und der Radgasse eigenhändig den Grundstein für das Bürgerhospital zu legen. Die Eröffnung hat er nicht mehr erlebt. Bei der Inspektion des gerade auf dem Nordflügel vollendeten Uhrtürmchens stürzte er am 15. November 1772 vom Baugerüst in die Tiefe. Sein Neffe Renatus hat den letzten Tag im Leben seines Onkels rekonstruiert.
Demnach hatte Johann Christian Senckenberg an jenem verhängnisvollen Sonntag im November 1772 nach dem Aufstehen zwar etwas über Schwindelgefühle geklagt, war dann aber mit »Jünglingsmunterkeit durch die Gassen nach seinen Patienten gelaufen«. (5) Seine Mittagsmahlzeit nahm Senckenberg zu Hause ein, anschließend las er zur Erbauung eine Predigt. Als der Arzt am Nachmittag zu weiteren Hausbesuchen aufbrechen wollte, fasste er spontan den Entschluss, zuvor das noch eingerüstete Uhrtürmchen zu besteigen. Ob er dabei einen Fehltritt machte oder einen erneuten Schwindelanfall erlitt, kann nur vermutet werden.
Kurz vor vier Uhr vernahmen Nachbarn auf der Baustelle ein lautes Poltern und fanden, als sie der Ursache nachgingen, den bewusstlosen, am Hinterkopf stark blutenden Senckenberg. »Man brachte ihn«, so wurde Renatus berichtet, »in sein Wohnzimmer, legte ihn auf etwas Bettwerk, und versammelte Ärzte und Wundärzte, die alle aber gleich ihre Mühe verloren schäzten, wie sie es auch würklich war. Ungefähr um 8 Uhr desselben Abends gab Johann Christian Senckenberg, ohne ein Zeichen des Bewusstseins die ganze Zeit hindurch gegeben zu haben, unter beständigem Bluten und Röcheln, seinen Geist auf. ... Ganz Frankfurt bedauerte seinen Verlust.« (5)

Es war Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet die sterbliche Hülle des Stifters, der noch zu Lebzeiten eine Sektion des eigenen Leichnams untersagt hatte, am 17. November 1772, da es sich um eine gewaltsame Todesursache handelte, als erste in der Anatomie geöffnet wurde. Die Sektion ergab als Todesursache eine Halswirbelsäulenfraktur mit aufsteigender Blutung im Rückenmarkskanal.
Bei Fackelschein trugen am Abend des 18. November 1772 Frankfurter Chirurgen den Sarg des Stifters, gefolgt von Renatus von Senckenberg, den Mitgliedern der Stiftungsadministration und zahlreichen Trauergästen, von der Anatomie durch den botanischen Garten zur Gruft am Stiftshaus.

Senckenbergs Lebenswerk wirkt bis heute fort. Das Bürgerhospital, das von einem gleichnamigen Verein getragen wird, dessen Vorstand mit der Stiftungsadministration identisch ist, befindet sich nach wie vor im Besitz der Dr. Senckenbergischen Stiftung. Die anderen Institute sind in die 1912 von der Senckenbergischen Stiftung mitbegründete Frankfurter Universität eingegangen. Mit der Einbeziehung der »Dr. Senckenbergischen Anatomie«, des »Senckenbergischen Instituts für Pathologie«, des »Botanischen Instituts mit botanischem Garten«; und der »Senckenbergischen Bibliothek« (seit 1. Januar 2005: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg) in die Universität sowie dem 1938 nachträglich gegründeten universitären »Senckenbergischen Institut für Geschichte und Ethik der Medizin« hat sich die Vision des Stifters erfüllt: »Meine Stiftung«, so Senckenberg im August 1763, »wird von hier aus gute Leute machen, auch gute auswärtige herbeiführen und hiesige zum Nacheifern bringen, mir zur Freude, da alles darauf abzielt, dass der Stadt in medicis wohl gedient werde« (3, S. 21).

Literatur:

  1. August de Bary, Johann Christian Senckenberg (1707-1772), Frankfurt a. M. 1947.
  2. August de Bary, Johann Christian Senckenberg und seine Stiftung, Frankfurt a. M. 1935.
  3. August de Bary, Geschichte der Dr. Senckenbergischen Stiftung 1763-1938. Ein Zeugnis des Frankfurter Bürgersinns in 175 Jahren, Frankfurt a. M. 1938.
  4. Sebastian Alexander Scheidel, Geschichte der Dr. Senckenberg'schen Stiftshäuser, Frankfurt a. M. 1867.
  5. Renatus von Senckenberg, Nachricht von dem Leben und Charakter D. Johann Christian Senckenbergs, um 1773, Senckenberg-Archiv Mappe 1 (Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg).

Thomas Bauer

Wiederabdruck des Textes aus: Forschung Frankfurt, Heft 4/2006

Dr. Thomas Bauer, geboren 1961, arbeitet als freiberuflicher Historiker in Frankfurt am Main und hat eine im Februar 2007 erschienene Senckenberg-Biographie verfasst. Bauer ist Mitglied der Frankfurter Historischen Kommission und gehört dem Wissenschaftlichen Beirat der Gesellschaft für Frankfurter Geschichte e.V. an.

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zuletzt geändert am 11. Januar 2016

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