Romanisches Café
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Romanisches Café



Das romanische Café um 1930
Aus: Müller, Bernd: Im Caféhaus
Berlin: Kurt Pfennig GmbH, 1984, S. 49
Das Romanische Café war der berühmteste Treffpunkt der Maler, Literaten, Journalisten, Theater- und Filmleute im Berlin der Zwanziger Jahre. Es befand sich im Parterre eines Hauses im neoromanischen Stil vis-à-vis der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, dort, wo heute das Europa-Center steht.

«Das Romanische Café ist der Wartesaal der Talente. Es gibt Leute, die hier seit zwanzig Jahren, Tag für Tag, aufs Talent warten. Sie beherrschen, wenn nichts sonst, so doch die Kunst des Wartens in verblüffendem Maße. (...) Es ist ein infernalisches Gewirr von Charakterköpfen und solchen, die es sein wollen. Der erste Eindruck, den man hat: Haare, Mähnen, Locken, die bedeutend ins Gesicht fallen. Der zweite Eindruck: Wie oft wird hier die Leibwäsche gewechselt? Dieser zweite Eindruck ist vielleicht in vielen Fällen unberechtigt. Aber nichts ist ja bezeichnender für das Gesehene, dass man ihn trotzdem hat. (...) Jeder kennt jeden. Man begrüßt sich jovial oder - eine andere Methode - nur ganz nebenbei, um das Gehirn nicht beim Dichten und Denken zu unterbrechen. Man setzt sich von einem Tisch zum anderen; erstens, um sich Klatsch zu erzählen, und zuweilen zweitens, um dem Kellner, der Bestellungen entgegennimmt, zu erklären, man sitze nur en passant hier. Man borgt sich erfolglos an. Man liest Berge von Zeitungen. Man wartet, dass das Glück hinter den Stuhl tritt und sagt: Mein Herr, Sie sind engagiert!
Man wartet. Inzwischen vertreibt man sich die Zeit. Hierzu benötigt man das weibliche Geschlecht. Es ist vorhanden, und zwar in staunenswert hübschen Exemplaren. Soweit die Neue Sachlichkeit noch nicht restlos mit der Romantik in Mädchenbusen aufgeräumt hat, bekommt das «Romanische» seinen Teil. Gymnasiastinnen, Studentinnen, Kunstgewerblerinnen, Töchter aus «guter Familie», schöne Seelen und kleine Ausreißer trifft man in Menge. Sie sitzen neben dem Ideal und vergehen in Andacht. Außer ihnen gibt es auch jene Damen, die, wie man weiß, von der Liebe leben. Sie verbinden das Nützliche mit dem Schönen; sie empfinden ihren Beruf wohl auch als eine Kunst und halten die Beziehung zu Künstlern für absolut unfein.

Außerdem verkehren hier auch Künstler, die bereits einen Namen haben. Warum sie das tun? Möglicherweise aus alter schlechter Gewohnheit. Es gibt aber auch pathologische Fälle: arrivierte Künstler, die es für einen (mit einer Tasse Kaffee nicht zu teuer erkauften Genuss) halten: die Schar der Verunglückten und Aussichtlosen zu betrachten, und sich selber, den Erfolgreichen, betrachten zu lassen.

Wie eine Welle der Bewunderung geht es durch den Raum, wenn ihn ein Glücklicher betritt. Und wen er begrüßt, der fühlt sich geweiht...

Kann man sich, nach der bisherigen Beschreibung, ein ungefähres Bild vom «Romanischen» machen, wenn noch hinzugefügt wird, dass es auch das «Rachmonische» genannt wird und dass außer den skizzierten Typen Artisten, Tanzmusiker, Boxer und Neger herumsitzen?»

Aus: Erich Kästner, Das Rendezvous der Künstler,
Neue Leipziger Zeitung vom 26. April 1928


Die Terrasse des romanischen Cafés um 1925
Aus: Müller, Bernd: Im Caféhaus
Berlin: Kurt Pfennig GmbH, 1984, S. 51

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zuletzt geändert am 7. Juni 2021

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