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Universitätsbibliothek » Archivzentrum » Kyllenion: Erotische Lyrik aus der Bibliothek Arthur Schopenhauers

Kyllenion

Erotische Lyrik eines regierenden Fürsten aus der Bibliothek Arthur Schopenhauers

Der Titel, der die Sammlung "Bibliothek Arthur Schopenhauers" im Schopenhauer-Archiv seit neuestem bereichert, wurde dem Archiv von einem Frankfurter Antiquar angeboten und konnte dank einer großzügigen Spende des Gesellschaft der Freunde der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek gekauft werden. Dabei handelt es sich um ein kleines, anonym erschienenes Werk des damals regierenden Herzogs August Emil von Sachsen-Gotha-Altenburg, das im Schopenhauer-Archiv unter der Signatur Schop 603 / 317 zu finden ist:

August <Sachsen-Gotha-Altenburg, Herzog>: Ein Jahr in Arkadien / [August Herzog von Sachsen-Gotha und Altenburg]
Jena : Frommann und Wesselhöft, 1805; 124 S., [1] Faltbl. : Ill.

Das vorliegende Buch aus dem Nachlaß des Philosophen hatte der Frankfurter Buchhändler Joseph Baer im Jahre 1871 zur Versteigerung angeboten. Im "amtlichen Verzeichnis der von Dr. Schopenhauer hinterlassenen Bücher" war es nach Schopenhauers Tod unter der Nummer 1213 aufgeführt. Hübschers bibliographische Beschreibung notiert zunächst "Verbleib?", später ist in dem Exemplar des Schopenhauer-Archivs von Arthur Hüschers Hand hinzugefügt: "Antiquariat Buchholz, Köln, Dez. 1979, Nr. 254"

In einem Brief an seinen Verleger Brockhaus vom 11. April 1818 beruft sich Arthur Schopenhauer auf die bekannte Liberalität des Verfasser als des regierenden Herzogs von Sachsen-Gotha-Altenburg: "Die Altenburger Censur glaube ich durchaus nicht fürchten zu dürfen, da unter einem so geistreichen Fürsten die Pfaffen unmöglich viel einzuwenden haben können. Auch würde ich mich im schlimmsten Fall an den Herzog wenden, der mir ganz gewiß darin allen Vorschub thun würde."

Der Verfasser, der vorletzte Fürst des Herzogtums Sachsen-Gotha-Altenburg (1772-1822, Regierungszeit 1804-1822), war einerseits ein Bewunderer Napoleons und seiner vorwärtsweisenden Gesetzgebung, andererseits eher feminin-pazifistisch allem martialischen und "männlichen" Wesen abgeneigt, selbst literarisch hochgebildet und dichterisch aktiv - kurz eine in allen Widersprüchen der Revolutionszeit verstrickte Persönlichkeit. Sein poetisches Œuvre feiert eine weiblich-freundliche Liebeslust mit stark homerotischen Zügen. Das vorliegende Werk gehört als bukolische Utopie zu diesen Dichtungen und ist, als einziges seiner Bücher, im Verlag "rosa Winkel", versehen mit einem Essay von Paul Derks, 1985 nachgedruckt worden.

Das Bändchen ist insgesamt gut erhalten, im Pappeinband mit braunem Marmorüberzug. Auf dem Rücken findet sich ein rotes mit Gold gefaßtes Schildchen mit der goldenen Aufschrift: "Kille//nion", entsprechend dem im Buch auf einem separaten Blatt dem Text vorangesetztem Titel in griechischer Schrift "ΚΥΛΛΗΝΙΩΝ" Gegenüber dem Titelblatt ist das Buch mit einem gefalteten großen Kupferstich geschmückt, der eine klassische Landschaft zeigt. Am Abschluß des Werkchens bilden zwei nackte Genien schwebend eine Lyra zu einem ganzseitigen Schmuck. Die Innenseite des vorderen Deckels trägt Schopenhauers bekanntes Exlibris. Auf dem Titelblatt ist von Schopenhauers Hand eingetragen: "von// August,// regierendem Herzog// zu Sachsen-Gotha und Altenburg"
Die vorhandenen Lesespuren sind ganz in der Form, wie sie auch sonst in Schopenhauers Büchern zu finden sind, kräftige Bleistiftstriche neben dem Text:
S. 64 "Chelidon, wohin, wohin? – // Über Berge, über Flüsse, ..."
S. 71 "Nenne mir bey drohenden Gefahren // Jenen Stern, der niemals sich verbirgt ..."
S. 108 "Schweigen ziemt der Wallerinn,// Schweigen ziemt den Liebenden, ..."
S. 108 unten: "Sterne trennen sich von Sternen,// Und der Thau benetzt die Flur... "

Im Jahre 1805 ist dieses Büchlein unter dem Titel "Ein Jahr in Arkadien" in Gotha erschienen. Der Herzog August Emil verstand seine Gothaer Residenz durchaus als Musenhof, der sich am Weimarer Modell maß und sich gleichzeitig von ihm unterschied. Ist es da zu spitzfindig, eine Beziehung zwischen diesem Buchtitel und dem Motto zu sehen, mit dem Goethe 1817 seine Italienreise publiziert: "Auch ich in Arkadien"?

Literatur:
Hübscher, Arthur [Hrsg.]: Arthur Schopenhauer; Gesammelte Briefe. Bonn: Bouvier 1978, S. 34
Brühl, Olaf: Emil August, der "peinliche Herzog" In: Thüringische Allgemeine, 1997, 11. 22.; zitiert nach der Internetseite: http://www.olafbruehl.de/ea-art.htm

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zuletzt geändert am 27. März 2015

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