Sammlung Deutscher Drucke - Buch des Monats
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SAMMLUNG DEUTSCHER DRUCKE 1801-1870

Buch des Monats

Februar 2024

[Drobisch, Gustav Theodor:] Der Tolpatsch oder Kinder, nehmt euch ein Beispiel dran! : eine lehrreiche Geschichte mit vielen bunten Bildern. ‐ Zehnte Auflage. ‐
Leipzig : Verlag von C.W.B. Naumburg, [1870]. ‐ 32 Seiten.
Signatur: Sq 5/W 94 | Online-Ausgabe

Das Titelbild des Buches "Der Tolpatsch", zu sehen ist ein unglücklich schauender Junge und darüber der Buchtitel

Das von dem sächsischen Schriftsteller, Journalist und Schauspieler Gustav Theodor Drobisch (1811 ‐ 1882) verfasste Kinderbuch kann mit seinen einfachen Versen und bunten Illustrationen durchaus in der Nachfolge von Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter gesehen werden. Der ungeschickt agierende Tolpatsch Hans dient stets als abschreckendes Beispiel, egal ob er mit Tinte kleckst oder vom Schaukelpferd fällt. Kinder sollen so zu „richtigem“ Verhalten erzogen werden: „Nimm Dir, mein Kind, ein Beispiel dran / Und stelle Dich zu allen Dingen / Die Du im Leben sollst vollbringen / Geschickter als der Tolpatsch an!“ Passend zur Jahreszeit ist Tolpatsch beim Schlittschuhlaufen dargestellt.

Eine Seite aus dem Buch "Der Tolpatsch", die einen Jungen zeigt, der gerade beim Schlittschuhfahren hinfällt.

Das Humoristische war schon in den 1840er Jahren ein wichtiger Bestandteil der schriftstellerischen Arbeit Drobischs, was an den Titeln seiner Bücher aus dieser Zeit erkennbar ist: Humoresken und Satyren (1844), Humoristische Mondlichter (1847) und Faxen aus Saxen (1849). Im gleichen Jahr erschien auch die erste Ausgabe des Tolpatschs, der recht erfolgreich gewesen zu sein scheint, was zahlreiche Auflagen belegen. Die vorliegende 10. Auflage ist allerdings nur in der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg vorhanden.


Vorherige Monate

Glatz, Jakob: Die Bilderwelt : Ein unterhaltendes und belehrendes Bilderbuch für die Jugend.
Wien : Doll, 1811. - Bd. 1 und 2.

Signatur: Sq 5/W 76 | Online-Ausgabe Band 1 | Online-Ausgabe Band 2

Das seltene zweibändige Werk ist ein hervorragendes Beispiel für aufwändig produzierte Jugendliteratur im Biedermeier. Die beiden Bände beinhalten kurze Erzählungen mit jeweils 18 kolorierten Stichen des Wiener Kupferstechers Vincenz Grüner (1771 – 1832). Die Texte stammen von dem Lehrer, Theologen und Schriftsteller Jakob Glatz (1776 – 1831), der u. a. als Erzieher an der von Christian Gotthilf Salzmann gegründeten Erziehungsanstalt Schnepfenthal bei Gotha tätig war. Nach seiner Übersiedelung nach Wien im Jahre 1804 war er maßgeblich am Aufbau der dortigen Evangelisch-Theologischen Lehranstalt beteiligt und als Prediger überregional bekannt und geschätzt. Dem deutschen Text ist in dreispaltigem Satz jeweils der französische und italienische Text gegenübergestellt, einerseits, um jugendliche Leser zum Erlernen von Fremdsprachen zu animieren, andererseits, um dem Verlag neue Absatzmärkte im Ausland zu erschließen. Die vorliegende Wiener Erstausgabe ist in Deutschland nur in der UB Frankfurt vorhanden.



Reinhardt, Carl: Die Jahreszeiten : humoristisches Kinderbuch.
[Glogau] : Verlag von C. Flemming, [1863]. - 16 Blätter

Signatur: Sq 5/W 103 | Online-Ausgabe

Die im Glogauer Verlag von Carl Flemming erschienenen Jahreszeiten sind ein wenig bekanntes Werk des deutschen Schriftstellers, Malers und Karikaturisten Carl (auch: Karl) Reinhardt (1818-1877).
Von Reinhardt stammen sowohl die gereimten Texte als auch die prachtvoll kolorierten lithografierten Zeichnungen.
Die Erstausgabe von Reinhardts Jahreszeiten ist eine der großen Seltenheiten der Kinder- und Jugendbuchliteratur und nur in diesem Exemplar in deutschen Bibliotheken nachweisbar.

Auf 16 Blättern wird der gesamte Jahreslauf dargestellt. Nach den ersten vier Illustrationen Winter, Frühling, Sommer, und Herbst folgen Weihnachten und weitere Episoden wie Thauwetter, Gewitter, Hundstage oder große Kälte. Allen Blättern ist eine karikaturistische Darstellung gemein, die teilweise an Carl Spitzweg erinnert, der Reinhardts Kollege bei der Zeitschrift Fliegende Blätter war.
Zu Recht gilt Reinhardt, dem Biografen ein »scuriles Genie« und »quecksilberiges Ingenium« für »komische Inhalte« attestieren, als Wegbereiter des Comics und Vorläufer Wilhelm Buschs.

Die abgebildete Seite Weihnachten zeigt einen in psychedelischen Farben erleuchteten Weihnachtsbaum, der die Szenerie in zwei Teile teilt: Rechts das Weihnachtsglück im trauten Heim, zufriedene Eltern und reich beschenkte Kinder nebst Äpfeln und Lebkuchen, während auf der linken Seite die bösen Kinder von Knecht Ruprecht in einen großen Sack gesteckt werden, bewacht von einem diabolisch dreinblickenden Pinscher. »Komische Inhalte« eben. Wie heißt es im Text:

»Es ist von allen Jahreszeiten /
Die schönste doch die Weihnachtszeit«
.

In diesem Sinne: Eine angenehme Adventszeit und frohe Weihnachten! Auch wenn es manchmal scuril werden sollte.



Häkelschule für Damen: die Kunst sämmtliche Häkelarbeiten zu erlernen: zum Schul- und Hausgebrauch / von Charlotte Leander (Emma Hennings)
Erfurt: Hennings und Hopf, 1843-1848

Signatur: 18/34652 (Bd. 1-10) | Online-Ausgabe

Unter dem Pseudonym Charlotte Leander verfasste die Lehrerin Emma Hennings einige Schriften zum Thema Handarbeiten - neben der vorliegenden Anleitung zum Häkeln in einzeln zu beziehenden Heftchen auch weitere Hefte zur Kunststrickerei, Stickmustern sowie das "Modenheft für weibliche Handarbeiten". Die Veröffentlichung in kleineren Einheiten machte die detailreichen Musteranleitungen erschwinglich und erfolgreich, 1850 erschien bereits die 11. Auflage. Diese Publikationsweise sorgt allerdings dafür, dass vollständige Sammelbände in deutschen Bibliotheken bisher nicht nachweisbar waren. Das hier erworbene Bändchen mit den Heften 1 bis 10 ist nun das bislang vollständigste Exemplar.

Maßgeblich für den Erfolg der Häkelschule war die preußische Königin Elisabeth Ludovika von Bayern (1801-1873). Für ihre königliche Aufgabe der Wohlfahrtspflege beauftragte sie Emma Hennings mit der Erstellung von gut verständlichen Anleitungen. Besonders das Wohl (frierender) Kinder, für die ein Großteil der Häkelarbeiten gedacht waren, lag ihr am Herzen. Die Anleitungen verweisen dann auch auf das Alter des auszustattenden Kindes "für ein Kind von 2 Jahren".

Elisabeth Ludovika war es auch, die für die detaillierten Abbildungen die damals noch junge Technik der Daguerreotypie anregte. Das vom französischen Maler Louis Daguerre erstmals 1839 vorgestellte Verfahren eignete sich besonders gut, die gehäkelten Modellstücke zu belichten und so die Details der Machart genauestens zu zeigen. Die lithographisch vervielfältigten Abbildungen bestechen durch die Genauigkeit der zu häkelnden Kleidungs- und Zierstücke mit exakter Anordnung der Kett- und Luftmaschen, von Stäbchen und Mustern.

Diese Abbildungen in Verbindung mit den für die handarbeitsaffine Dame einfachen Anleitungen sorgten für die weitere Verbreitung der noch jungen Handarbeitstechnik des Häkelns. Dieses wurde erst ab Anfang den 19. Jahrhunderts überhaupt entwickelt und ist somit wesentlich jünger als das bereits im Mittelalter verbreitete Stricken mit zwei Nadeln. Im schwedischen Raum waren die Anleitungen von Emmy Hennings die ersten Häkelbücher überhaupt Nya mönster till spetsstickning och spetsvirkning med plancher av Charlotte Leander, Stockholm 1844.
So ist ein unscheinbar erscheinendes Sammelbändchen der Vorgänger moderner Häkelzeitschriften und YouTube-DIY-Videoanleitungen.



Das Elisium (bis Carneval 1853) als teleskopisches Pracht-Bild des Himmels und der Erde, mit einer großen astronomischen satyrischen Heerschau über sämmtliche Himmelszeichen, Planeten und Sternbilder : Ausstellung einer räthselhaften Musik-Kapelle (afrikanische Automaten-Beduinen), und vieler anderer elysischer Sehenswürdigkeiten, Belustigungen, Kunst- und Musik-Produktionen etc. etc.

Signatur: F 18/568 | Online-Ausgabe

Das von dem Hofzuckerbäcker Josef Georg Daum (1789 - 1854) gegründete Elysium in Wien war ein weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekanntes Vergnügungslokal, das mit seinen Attraktionen Gäste aus ganz Europa anzog. Besonders das 1840 in den Kellerräumen des St. Anna-Klosters eröffnete Neue Elysium mit seiner wilden Mischung aus Schaubühne, Musiktheater, Zoo, Nachtclub und Restaurant war der Mittelpunkt des Wiener Vergnügungsviertels, ein reizüberflutender Ort, den man heute vielleicht als ′Erlebniswelt′ anpreisen würde.

Die vorliegende, in keiner deutschen Bibliothek nachweisbare, vierseitige illustrierte Flugschrift im Folio-Format diente als Werbeblatt, um noch mehr Gäste in die weitläufigen, über mehrere Stockwerke reichende Kellerfluchten zu locken. Im reißerischen Stil eines Jahrmarkt-Ausrufers werden Zögerliche zum Eintritt in die künstlichen Paradiese Wiens aufgefordert:

Auf einer vermeintlichen Weltreise - allerdings ′nur′ durch die Wiener Unterwelt - lernen Vergnügungswillige scheinbar unerhörte Attraktionen kennen. Dabei bediente man sich schlichten, aber zeittypischen, weil geläufigen nationalen und religiösen Klischees. Was im 21. Jahrhundert höchst fragwürdig bis ungenießbar wäre, kam im 19. Jahrhundert bestens an: Asien wird durch einen »Mandarin-Saal« repräsentiert, in dem es nur Menschen gibt, »die Dir nie widersprechen.«

Es folgt das »Prunk-Gemach des Profeten«, wo seltsamerweise »Poulade von Spießen und Champagner vom Besten« gereicht wird. Nach »gemüthlicher Zithermusik« in einer alpenländischen Kulisse folgen die musikalischen Darbietungen der bereits im Titel erwähnten »räthselhaften Musik-Kapelle der Beduinen-Automaten«.
Weiter geht es nach Afrika zu »Abderman′s Krystall-Palast« und »Mahomed′s Paradies«, ehe man vorbei an künstlichen Wasserfällen mit einer zweispurigen unterirdischen Pferde-Eisenbahn durch den amerikanischen Urwald mit Affen und Papageien, »America, das Wunderland der allgemeinen Auswanderung« erreicht. Am Ende dann als krönender Abschluss, zweimal am Abend, die »astronomisch satyrische Heerschau«, bei denen eine Vielzahl an Sänger*innen und Tänzer*innen akrobatischen Darbietungen vollführend durchs Elysium paradierten.

Diese Flugschrift erweist sich als eine besondere bildreiche Quelle für die Herausbildung kollektiver phantastischer Szenerien Mitte des 19. Jahrhunderts, und lädt zu Stereotypen-Analysen ein. Der Initiator des kuriosen Vergnügungsetablissements, Josef Georg Daum, starb übrigens im Jahre 1854 an der Cholera. Sein Sohn übernahm das Elysium, konnte aber nicht mehr an die Erfolge des Vaters anknüpfen.

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zuletzt geändert am 22. Februar 2024

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