Die Sammlung Deutscher Drucke 1801-1870 präsentiert monatlich eine ganz besondere Erwerbung, die innerhalb Deutschlands zumeist in keiner anderen Bibliothek vorhanden ist. Einen guten Überblick über die thematische Vielfalt aller SDD-Zugänge gibt die ständig aktualisierte Neuerwerbungsliste.
Juni 2026
Babo, Lambert von: Der Rathgeber für den Ackersmann, oder Belehrungen über die verschiedenen Haus- und Feldarbeiten, geordnet nach ihrem monatlichen Vorkommen. - Frankfurt a. M. : Broenner, 1861. - 48 S.
Titelblatt zu: Babo, Lambert von: Der Rathgeber fuer den Ackersmann, oder Belehrungen ueber die verschiedenen Haus- und Feldarbeiten, ..., 1861Porträt von Lambert von Babo unbekannter Herkunft. (Quelle: geschichte-des-weines.de)
Wer mag mehr über die Luzerne erfahren? Gemeint ist keine Stadt in der Zentralschweiz, sondern die älteste, ausschließlich zur Futtergewinnung angebaute Kulturpflanze, die im 19. Jahrhundert eine wachsende Bedeutung für die deutsche wie auch für die europäische Landwirtschaft hatte.
Lambert Joseph Leopold Freiherr von Babo (1790-1862) lag die Luzerne sehr am Herzen, was jeder merkt, der sich seinen „Rathgeber für den Ackermann“ näher zu Gemüte führt. Dieses schmale Bändchen, erschienen 1861, einem Jahr vor Babos Tod, reiht sich ein in die Fülle seiner landwirtschaftlichen wie auch weinbaulichen Veröffentlichungen, ohne dabei hervorzustechen. Gegliedert nach den Monaten des Jahreslaufs, geschrieben in einer einfachen Sprache, da der Inhalt auch in den „Dorfschulen den fleißigen Schülern“ (S. 3) zur Kenntnis gebracht werden soll. Dazu sollte das Werk „möglichst wohlfeil werden“ (S. 4), was auch eine Erklärung für seine geringe Seitenzahl ist. Auf Abbildungen wird ebenfalls verzichtet, doch ist das Büchlein ein gutes Beispiel für eine SDD-Erwerbung, die einen Einblick in den Alltag, hier den des „Durchschnitts-Landmanns“, im 19. Jahrhundert gibt; in eine „normale“ wissenschaftliche Bibliothek der Zeit hätte es keine Aufnahme gefunden.
Lambert Joseph Leopold von Babo entstammte einer (bzw. begründete selbst eine) Familie, die sich der der Verbesserung der Anbaupraxis von Nutzpflanzen und insbesondere der Weinreben widmete und zugleich den Anspruch hatte, ihre über praktischen Experimente gewonnenen Erkenntnisse weiterzugeben.
Man erfährt auf den wenigen Seiten des „Rathgebers“ erstaunlich viel über die zu Babos Lebzeiten in Deutschland kultivierten Pflanzen, die klimatischen Verhältnisse, die damaligen Schädlinge wie insgesamt die Widrigkeiten, die einer ertragreichen Ernte entgegenstanden. So rät Babo für den Juli etwa: „Ist man gezwungen feuchte Frucht einzuheimsen, so lege man sie nicht horizontal in den Scheuerräumen hin, sondern stelle die Garben mit aufrechtgerichteten Aehren ein, damit die bei der Gährung sich entwickelnde Feuchtigkeit den leichtesten und kürzesten Weg zur Verdünstung finde. Man beeile sich, sowie die Felder abgeräumt sind, Herbstrüben anzusäen. Auch werden Wicken zu Gründünger eingebaut. Ebenso noch Welschkorn zu Grünfutter. Dies, kann auch noch auf die Rübäcker eingesprengt werden.“ (S. 37)
Das von seinem Vater Johann Lambert Gregor von Babo übernommene und weiter von ihm ausgebaute Landhaus samt dem dazugehörigen Garten hat sich zu einer touristischen Hauptattraktion seines Wohn- und Wirkungsortes Weinheim an der Bergstraße entwickelt. Babos Andenken ehrt man dort mit einem verdeckt liegenden Kenotaph inmitten eines Rhododendrongebüschs, in unmittelbare Nachbarschaft findet man einen vom Landwirtschaftlichen Verein des Unterrheinkreises beauftragten und 1869 feierlich enthüllten Granit-Obelisk … am Rande des später dort angelegten innerstädtischen Tennisplatzes. Habent sua fata monumenta.
Vorherige Monate
Schöne, J. H.: Gründliche und ausführliche Anweisung zur Anwendung der Taktschreibmethode in Seminarien und Volksschule : nebst 8 Steindrucktafeln in 4o, welche fuer jeden Buchstaben die genaue Bezifferung enthalten / von J.H. Schöne, Pfarrer in Zimmern. - Zweite, sehr vermehrte und mit einem aus dem Worte Gottes geschöpften vollständigen Lehrgange versehene, Auflage. - Langensalza : Schulbuchhandlung d. Th. L. B., 1855. - X, 98 Seiten, 8 gezählte gefaltete Blätter Tafeln : Illustrationen
Der Weg von den ersten verkrampften Schreibversuchen hin zu einer flüssigen und leserlichen Handschrift war schon immer eine Herausforderung, lange bevor Tippen und Sprachnachrichten den Alltag bestimmten. Der thüringische Pfarrer Johann Heinrich Schöne beklagt 1855 in seiner Schrift die schwierige Situation in den Schulen, in denen es vielen Kindern nicht gelinge, die Technik des Schreibens dauerhaft zu verinnerlichen, auch wenn die Zeiten vorbei seien, „wo wohl zum Theil kaum der Lehrer ordentlich schreiben konnte“ (S. 1). Dabei verhehlt Schöne nicht, dass Armut und schlecht ausgestattete Schulen zu dieser Misere beitragen.
Um dem motorischen Gedächtnis der Schreibanfänger auf die Sprünge helfen, propagiert Schöne seine Taktschreibmethode. Ebenso wie andere Schreiblehrer seiner Zeit richtet er den Fokus auf die Bewegungsabläufe beim Schreiben und formuliert eine Reihe von strikten Vorgaben für das „Sitzen nach Ordnung und Regel“ (S. 8), die richtige Position des Schreibarmes und der Finger sowie die Haltung der Feder. Kern der Unterrichtsmethode ist schließlich das „Taktiren“ (S. 9), bei der „jedem wesentlichen Theile eines Schriftzeichens eine bestimmte Zeit zugemessen wird, binnen welcher er ausgeführt werden muß“ (S. 24). Nachdem der Lehrer die Kommandos „Richt’t euch“, „Stift“ und „Angesetzt“ (S. 42/43) erteilt hat, dirigiert er die Schreibbewegungen der Schüler, indem er für die Aufstriche „1“, für die Abstriche „2“ vorzählt – notfalls auch mit Hilfe eines Hammers als Taktgeber. So gedrillt und in eine Art kalligrafischen Gleichschritt gebracht, meint Schöne, einer großen Schülerschar das Schreiben beibringen zu können. Dem Text sind acht gefaltete lithografierte Blätter beigefügt, die die Methode bildlich verdeutlichen.
Für Pfarrer Schöne ist das Erlernen der Handschrift aber nicht nur nützlich, sondern hat auch eine religiöse Dimension. Seine Schüler sind vor allem „Christenkinder“ (S. V), die in ihrem Glauben gestärkt und von Lehrern unterrichtet werden sollen, die „ihre Berufsthätigkeit als einen Gottesdienst ansehen“ (S. V). In der vorliegenden zweiten Auflage entstammen dementsprechend alle Übungsbeispiele der Bibel. Profane Sätze wie „Amsterdam ist eine große Stadt“ und „Cacao ist ein heilsames Getränk“ (S. 40) haben hier als Schriftvorlagen ausgedient.
Titelblatt von: Gründliche und ausführliche Anweisung zur Anwendung der Taktschreibmethode in Seminarien und Volksschule... / von J.H. Schöne, 2. Aufl., 1855Tafel I aus: Gründliche und ausführliche Anweisung zur Anwendung der Taktschreibmethode in Seminarien und Volksschule... / von J.H. Schöne, 2. Aufl., 1855; zu sehen sind 12 Vorübungen zum Schreiben (Striche, Kreise usw.) mit den jeweiligen Zählzeiten - 1 für einen Aufstrich, 2 für einen Abstrich
Vinzenz Kern: Aufruf an die Bewohner Krains zur allgemeinen Annahme der Kuhpocken-Impfung : mit einer nach der Natur illuminirten Kupfertafel / von Vinzenz Kern, der Medizin und Chirurgie Doktor, der medizinischen Fakultät zu Wien ordentlichem Mitgliede, öffentlichem ordentlichem Professor der Heilkunde zu Laibach ; nach der Natur gezeichnet von Dr. Beer ; gestochen von I. Neidl in Wien. - Laibach : gedruckt bey Andreas Gassler, 1803. - 42 Seiten, 1 ungezähltes Blatt, 1 ungezähltes Blatt Tafel.
Das vorliegende dünne Bändchen enthält auf wenigen Seiten den eindringlichen Appell an alle Bewohner Krains „zur allgemeinen Annahme der Kuhpockenimpfung“. Der Verfasser, der Arzt Vinzenz Kern (1760-1829), räumt darin mit der damals in der Bevölkerung vorherrschenden Meinung auf, Kinder würden bereits mit dem „Blatterngift“ geboren, so dass es ein unabwendbares Schicksal darstelle, wenn ein Kind daran erkranke. Die Zahlen der an Kindsblattern verstorbenen Kinder ist erschreckend. Kern nennt 3.000 Kinder, die allein im Adelsberger Kreise 1801 an Blattern verstarben, im Erzbistum Laibach lag die Zahl bei 1.200 verstorbenen Kindern.
In seiner Schrift geht er auch auf die Argumente und Zweifel der damaligen Impfgegner ein, betont aber, dass einige wenige trotz Impfung Erkrankte, in keinem Verhältnis zu den vielen durch die Impfung Geretteten stehen.
Kern selbst hatte eine Professur für Chirurgie und Geburtshilfe am k.k. Lyceum in Laibach inne und sah als praktizierender Arzt sicherlich viele erkrankte und sterbende Kinder jeglichen Alters. Als sanitärer Organisator führte er 1801 die Pockenimpfung in Krain ein.
Dem auf festem und hochwertigem Papier gedruckten Werk ist eine von I. Neidl gestochene Illustration vorgebunden. Die Abbildung zeigt die Entwicklung einer Impfpustel derart naturgetreu, dass ihr Anblick beim Betrachter bereits Juckreiz auslöst.
Titelblatt zu: Vinzenz Kern: Aufruf an die Bewohner Krains zur allgemeinen Annahme der Kuhpocken-Impfung : mit einer nach der Natur illuminirten Kupfertafel, 1803Tafel "Die Schutzpustel oder Kuhpocke", zu: Vinzenz Kern: Aufruf an die Bewohner Krains zur allgemeinen Annahme der Kuhpocken-Impfung : mit einer nach der Natur illuminirten Kupfertafel, 1803. Gezeigt wird die Entwicklung der Impfstelle in 5 Abbildungen von Tag 1 bis Tag 14.
Der kleine Schmetterling-Sammler : Beschreibung und Abbildung der vorzueglichsten in Deutschland einheimischen Tag-, Daemmerungs-, Abend- und Nachtfalter; nebst Anleitung zum Fangen, Aufspannen und Aufbewahren derselben; mit vielen colorirten und schwarzen Abbildungen. - 2. verb. Aufl.. - Stuttgart : Thienemann, 1859. - VI, 80 S., 16 Bl. : zahlr. Ill. [kolor. Taf.]
Titelblatt zu: Der kleine Schmetterling-Sammler, 1859
Wer hat als Kind nicht etwas gesammelt? Überraschungseierfiguren, Pokemonkarten, Paninibildchen oder zum Leidwesen der Eltern besonders schöne Steine und Stöcke?
Unser „Buch des Monats“ empfiehlt für Knaben zwischen 8 und 14 Jahren das Fangen und Sammeln von heimischen Schmetterlingen. Vorteil: Die Kinder sind viel draußen und üben sich in Geschicklichkeit und Ausdauer. Idealerweise entwickeln sie dann noch einen „Trieb zur Wissenschaft“ (Vorwort) und erkennen die Schönheit der Natur.
Der „kleine Schmetterling-Sammler“ soll das neue Hobby unterstützen und listet zunächst die benötigten Materialien auf, die für das Fangen und Präparieren der adulten Tiere, aber auch für das Sichern und Pflegen lebendiger Puppen und Raupen benötigt werden. Dabei wird auf die Besonderheiten der einzelnen Schmetterlingsarten eingegangen: „Nach Schmetterlingen, welche sich gern und häufig niedersetzen, schlage man nicht im Fluge“ (S. 6) und „Findet man eine Raupe auf ihrer Futterpflanze, so merke man sich diese genau.“ (S. 13).
Im zweiten Abschnitt werden die heimischen Schmetterlinge, ihre Puppen und Raupen einzeln beschrieben und auf Tafeln in kolorierten Bildern dargestellt, u.a. der große und kleine Fuchs, der Todtenkopf und Tiere aus den Familien der Spinner, Schwärmer und Schlüpfer . Ganz bewusst wird hier auf eine wissenschaftlich fundierte Anordnung verzichtet, um die Zielgruppe nicht zu verschrecken. In klarer Handschrift hat in unserem Exemplar ein (vielleicht jugendlicher) Vorbesitzer die deutschen Bezeichnungen mit Bleistift ergänzt.
Weitere Abbildungen zeigen die benötigte Ausrüstung wie z.B. Netze, Gläser für die Raupen, Nadeln und Aufspannvorrichtungen.
Wer sich an die beschriebene Vorgehensweise hält, "wird durch die Schönheit (s)einer Sammlung belohnt werden!" (S. 24). Und vielleicht hat einer der großen Naturforscher der folgenden Zeit auch mit dem Sammeln von Schmetterlingen begonnen.
Tafel 4 aus: Der kleine Schmetterling-Sammler, 1859; zu sehen sind die kolorierten Raupen, Puppen und adulten Tiere der folgenden Arten: Apollo, Schwalbenschwanz, Waldvenus und Distelfalter