Die Sammlung Deutscher Drucke 1801-1870 präsentiert monatlich eine ganz besondere Erwerbung, die innerhalb Deutschlands zumeist in keiner anderen Bibliothek vorhanden ist. Einen guten Überblick über die thematische Vielfalt aller SDD-Zugänge gibt die ständig aktualisierte Neuerwerbungsliste.
April 2026
Vinzenz Kern: Aufruf an die Bewohner Krains zur allgemeinen Annahme der Kuhpocken-Impfung : mit einer nach der Natur illuminirten Kupfertafel / von Vinzenz Kern, der Medizin und Chirurgie Doktor, der medizinischen Fakultät zu Wien ordentlichem Mitgliede, öffentlichem ordentlichem Professor der Heilkunde zu Laibach ; nach der Natur gezeichnet von Dr. Beer ; gestochen von I. Neidl in Wien. - Laibach : gedruckt bey Andreas Gassler, 1803. - 42 Seiten, 1 ungezähltes Blatt, 1 ungezähltes Blatt Tafel.
Das vorliegende dünne Bändchen enthält auf wenigen Seiten den eindringlichen Appell an alle Bewohner Krains „zur allgemeinen Annahme der Kuhpockenimpfung“. Der Verfasser, der Arzt Vinzenz Kern (1760-1829), räumt darin mit der damals in der Bevölkerung vorherrschenden Meinung auf, Kinder würden bereits mit dem „Blatterngift“ geboren, so dass es ein unabwendbares Schicksal darstelle, wenn ein Kind daran erkranke. Die Zahlen der an Kindsblattern verstorbenen Kinder ist erschreckend. Kern nennt 3.000 Kinder, die allein im Adelsberger Kreise 1801 an Blattern verstarben, im Erzbistum Laibach lag die Zahl bei 1.200 verstorbenen Kindern.
In seiner Schrift geht er auch auf die Argumente und Zweifel der damaligen Impfgegner ein, betont aber, dass einige wenige trotz Impfung Erkrankte, in keinem Verhältnis zu den vielen durch die Impfung Geretteten stehen.
Kern selbst hatte eine Professur für Chirurgie und Geburtshilfe am k.k. Lyceum in Laibach inne und sah als praktizierender Arzt sicherlich viele erkrankte und sterbende Kinder jeglichen Alters. Als sanitärer Organisator führte er 1801 die Pockenimpfung in Krain ein.
Dem auf festem und hochwertigem Papier gedruckten Werk ist eine von I. Neidl gestochene Illustration vorgebunden. Die Abbildung zeigt die Entwicklung einer Impfpustel derart naturgetreu, dass ihr Anblick beim Betrachter bereits Juckreiz auslöst.
Titelblatt zu: Vinzenz Kern: Aufruf an die Bewohner Krains zur allgemeinen Annahme der Kuhpocken-Impfung : mit einer nach der Natur illuminirten Kupfertafel, 1803Tafel "Die Schutzpustel oder Kuhpocke", zu: Vinzenz Kern: Aufruf an die Bewohner Krains zur allgemeinen Annahme der Kuhpocken-Impfung : mit einer nach der Natur illuminirten Kupfertafel, 1803. Gezeigt wird die Entwicklung der Impfstelle in 5 Abbildungen von Tag 1 bis Tag 14.
Vorherige Monate
Der kleine Schmetterling-Sammler : Beschreibung und Abbildung der vorzueglichsten in Deutschland einheimischen Tag-, Daemmerungs-, Abend- und Nachtfalter; nebst Anleitung zum Fangen, Aufspannen und Aufbewahren derselben; mit vielen colorirten und schwarzen Abbildungen. - 2. verb. Aufl.. - Stuttgart : Thienemann, 1859. - VI, 80 S., 16 Bl. : zahlr. Ill. [kolor. Taf.]
Titelblatt zu: Der kleine Schmetterling-Sammler, 1859
Wer hat als Kind nicht etwas gesammelt? Überraschungseierfiguren, Pokemonkarten, Paninibildchen oder zum Leidwesen der Eltern besonders schöne Steine und Stöcke?
Unser „Buch des Monats“ empfiehlt für Knaben zwischen 8 und 14 Jahren das Fangen und Sammeln von heimischen Schmetterlingen. Vorteil: Die Kinder sind viel draußen und üben sich in Geschicklichkeit und Ausdauer. Idealerweise entwickeln sie dann noch einen „Trieb zur Wissenschaft“ (Vorwort) und erkennen die Schönheit der Natur.
Der „kleine Schmetterling-Sammler“ soll das neue Hobby unterstützen und listet zunächst die benötigten Materialien auf, die für das Fangen und Präparieren der adulten Tiere, aber auch für das Sichern und Pflegen lebendiger Puppen und Raupen benötigt werden. Dabei wird auf die Besonderheiten der einzelnen Schmetterlingsarten eingegangen: „Nach Schmetterlingen, welche sich gern und häufig niedersetzen, schlage man nicht im Fluge“ (S. 6) und „Findet man eine Raupe auf ihrer Futterpflanze, so merke man sich diese genau.“ (S. 13).
Im zweiten Abschnitt werden die heimischen Schmetterlinge, ihre Puppen und Raupen einzeln beschrieben und auf Tafeln in kolorierten Bildern dargestellt, u.a. der große und kleine Fuchs, der Todtenkopf und Tiere aus den Familien der Spinner, Schwärmer und Schlüpfer . Ganz bewusst wird hier auf eine wissenschaftlich fundierte Anordnung verzichtet, um die Zielgruppe nicht zu verschrecken. In klarer Handschrift hat in unserem Exemplar ein (vielleicht jugendlicher) Vorbesitzer die deutschen Bezeichnungen mit Bleistift ergänzt.
Weitere Abbildungen zeigen die benötigte Ausrüstung wie z.B. Netze, Gläser für die Raupen, Nadeln und Aufspannvorrichtungen.
Wer sich an die beschriebene Vorgehensweise hält, "wird durch die Schönheit (s)einer Sammlung belohnt werden!" (S. 24). Und vielleicht hat einer der großen Naturforscher der folgenden Zeit auch mit dem Sammeln von Schmetterlingen begonnen.
Tafel 4 aus: Der kleine Schmetterling-Sammler, 1859; zu sehen sind die kolorierten Raupen, Puppen und adulten Tiere der folgenden Arten: Apollo, Schwalbenschwanz, Waldvenus und Distelfalter
Marschan, Joseph Wilhelm: Der Transport im Allgemeinen und Plan zur vortheilhaftesten Anlage der Eisen- und Haeuserbahnen : mit einer lithographirten Tafel / von Joseph Wilhelm Marschan, koeniglichen ersten Markscheiders-Adjuncten bei dem niederungrischen Bergbau. - Pressburg ; Oedenburg : Verlag von Carl Friedrich Wigand, 1836. - 68 Seiten, 1 gefaltetes Blatt Tafel : 1 Illustration
Titelblatt zu: Der Transport im Allgemeinen und Plan zur vortheilhaftesten Anlage der Eisen- und Haeuserbahnen : mit einer lithographirten Tafel / von Joseph Wilhelm Marschan, koeniglichen ersten Markscheiders-Adjuncten bei dem niederungrischen Bergbau. - 1836
Welche großen Hoffnungen man in den Ausbau des Verkehrswesens im Allgemeinen und des Eisenbahnwesens im Besonderen setzte, dafür ist diese Abhandlung ein wunderbares Beispiel. Sie erschien 1836 und damit nur ein Jahr, nachdem die erste deutsche Eisenbahnlinie zwischen Nürnberg und Fürth eröffnet wurde. Joseph Wilhelm Marschan (1801-1872), der Verfasser dieses schmalen und sehr seltenen Bändchens, studierte an der Bergbauakademie in Schemnitz (Banská Štiavnica, in der heutigen Slowakei gelegen), wo er später auch eine Professur für Zeichnen und darstellende Geometrie innehatte. Im Buch beschreibt er den Bau und den Betrieb verschiedenster Beförderungsarten, wobei ihm die Eisenbahnen besonders am Herzen lagen, denn „durch die äußerst billige, schnelle, sichere und bequeme Fracht auf Eisenbahnen werden die Fortschritte der Civilisation, Cultur, Fabrication und des Handels zum allgemeinen und des Einzelnen höherem Wohl wesentlich befördert.“ (S. 20). Bahn-Pendler der Gegenwart zaubern diese Zeilen einen gequälten Ausdruck der Verwunderung ins Gesicht.
Die Ausführungen des „Montanisten“ (Bezeichnung für einen Montan- oder Bergbauingenieur) Marschan bieten aber weit mehr, u.a. mentalitätsgeschichtliche Einblicke in eine für das 19. Jahrhundert typische technoide Zukunftsgläubigkeit, deren blumige Formulierungen häufig amüsieren, etwa, wenn es (1836!) über die „Luftfahrt“ heißt: „Die Luftschiffahrt ist ein Gegenstand, dessen Ausführung man in unserem Jahrhundert mit Lächeln erwartet“ (S. 32). Weitere Beförderungsarten (z.B. "Fluß- und Canalfahrt") für Menschen und Güter, die jeweiligen Vor- und Nachteile für den Handel wie für die gesamte Menschheit, ihre Realisierungsmöglichkeiten und die damit verbundenen Kosten werden detailliert erläutert, doch hätte man von einem Ingenieur mehr an Illustrationen erwartet. Der Verfasser ist dieses Manko bewusst und erklärt sich bereit, sofern sein Vortrag über das Transportwesen Anklang fände, die "dazu nöthigen Zeichnungen" zu entwickeln (S. VI).
Marschans Schriftenverzeichnis ist kurz, die Titel der wenigen Publikationen machen neugierig, sind jedoch höchst beschwerlich bis gar nicht einzusehen. Was mag sich etwa in den „Tausend neue[n] Darstellungen, Erforschungen und Erfindungen“ (1868) verbergen? Den Terminus „Häuserbahn“ ließ sich in einschlägigen Enzyklopädien des 19. Jahrhunderts (bislang) nirgendwo belegen. Dass Marschan diese Vision zumindest intellektuell weiterentwickelt hat, verrät ein Blick in die digitalisierte Ausgabe des „Bote[n] für Tirol und Vorarlberg“ vom 3.6.1863, in welchem u.a. außer Kraft getretene „Privilegien“ [gemeint sind damit Patente] aufgeführt werden, u.a. eines von Marschan auf so genannte „Dommotive“, womit „bewegliche Gebäude“ gemeint seien (das Patent auf Erfindung derselben bestand immerhin von 1857 und 1862 und war aber durch „Zeitablauf“ 1863 endgültig erloschen).
Tafel "Bau der Eisen- und Häuserbahnen" aus: Der Transport im Allgemeinen und Plan zur vortheilhaftesten Anlage der Eisen- und Haeuserbahnen : mit einer lithographirten Tafel / von Joseph Wilhelm Marschan, koeniglichen ersten Markscheiders-Adjuncten bei dem niederungrischen Bergbau. - 1836; zu sehen sind erläuternde Grafiken zum Text in eine Landschaft mit Bergen, Wiesen und Fluss eingebettet
Bosko's und Döbler's Zauberkünste oder: natürliche Magie und Taschenspielerkunst für Dilettanten und zur angenehmen Unterhaltung für Gesellschaftskreise / von Comte nach dem Franz. bearb. - 3. Aufl. Quedlinburg [u. a.] : Basse, 1839. - VIII, 192 S., 3 Falttaf.
Titelblatt zu: Bosko's und Döbler's Zauberkünste ... / von Comte nach dem Franz. bearb. - 3. Aufl. -Quedlinburg [u. a.] : Basse, 1839.
Hier kommt allerlei Magisches zusammen, an erster Stelle natürlich die beiden „Zauberer“ im Titel des Werkes, das ein weiterer Könner der Zauberkunst, kompilierte: Louis Christin Emmanuel Apollinaire Comte (1788-1859) trat selbst als Magier auf, und war angeblich der erste, der ein weißes Kaninchen aus dem Hut „zauberte“.
Bartolomeo Bosco (1793-1863), gebürtiger Piemontese, der in Dresden seine späte Heimat fand, galt als einer der berühmtesten Zauberkünstler seiner Zeit. Der große Houdini soll Geld gestiftet haben, um das Grab Boscos auf dem Alten Katholischen Friedhof in Dresden pflegen zu lassen, eine Aufgabe, die heute der Magische Zirkel Dresden versieht, der sich Bosco zum Namenspatron gewählt hat.
Ludwig Döbler (1801-1864) war ein österreichischer Zauberkünstler, gleichfalls zu Lebzeiten ein berühmter Vertreter seiner Zunft. Für seine Tricks nutzte er seine profunden naturwissenschaftlichen Kenntnisse, so auch im vorliegenden Band. Dieser enthält eine Fülle detaillierter Erklärungen (in blumigen Betitelungen verpackt) zum Einstudieren verblüffender Kunst- und Kabinettstückchen, die bei geselligen Anlässen vorgeführt werden konnten. Nicht alles eignet sich unbedingt „für Dilettanten“, das Experimentieren mit phosporhaltigem Alkohol, um zu bewirken, „daß das Gesicht im Dunklen leuchte“ (S. 41), sollte man vielleicht nicht unbedingt im Selbstversuch ausprobieren.
Warum man Zaubertrickserei bis weit ins 18. Jahrhundert (und auch noch 1839) als „Taschenspielerkunst“ bezeichnete, wird mit einer anderen Paradenummer Boscos, dem „Becherspiel“, deutlich, heutzutage noch von Hütchenspieler in aller Welt auf nicht legale Weise transformiert und praktiziert.
Das Buch steht im Übrigen in der Tradition vieler ähnlicher Publikationen, die ab ca. 1830 auf den Buchmarkt gebracht wurden.
Tafel Nr. 2 "Taschenspieler" aus: Bosko's und Döbler's Zauberkünste ... / von Comte nach dem Franz. bearb. - 3. Aufl. -Quedlinburg [u. a.] : Basse, 1839. Abgebildet sind ca. 50 Zeichnungen zu den Anleitungen für die Zauberkünste im Textteil.