Heinrich Kellner - Frankfurter Stadtadvokat des Humanismus
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Heinrich Kellner - Frankfurter Stadtadvokat des Humanismus

Der Frankfurter Patrizier Heinrich Kellner (1536-1589) wurde 1563 in Ferrara zum Doktor beider Rechte promoviert und kehrte in diesem Jahr in die Mainstadt zurück. Nach verschiedenen Anstellungen im Anwaltsgeschäft unterzeichnete er 1574 seinen Dienstbrief als Advokat und Syndicus der Stadt Frankfurt am Main. In dieser Funktion vermittelte Kellner in Rechtsstreitigkeiten, er übernahm wichtige diplomatische Missionen der Reichsstadt und vertrat diese bei Reichstagen.


Neben seinem Beruf und seiner Familie (Kellner war mit der Patrizierin Margaretha von Neuhaus verheiratet, sie hatten fünf Kinder) widmete sich Heinrich Kellner auch privaten Studien zur Familiengeschichte, Epigraphik und Heraldik.

Außerdem wurden jüngst vier sogenannte »Kunstbücher« wiederentdeckt, in denen Kellner Holzschnitte, Kupferstiche, Zeichnungen und Scherenschnitte zusammengestellt hatte - ein bedeutender früher Beleg für eine derartige bürgerliche Sammlung (Abb.1).1

Des Weiteren hatte Kellner eine umfangreiche Bibliothek angelegt, die in den Besitz seines berühmten Enkels Johann Maximilian Zum Jungen (1596-1649) überging.

Der Bücherbestand Zum Jungens, der wie sein Großvater in Frankreich und Italien studierte, wurde 1689/90 von der Stadt Frankfurt angekauft und in ihre Bibliothek integriert. Heute ist diese Teil der Frankfurter Universitätsbibliothek.
Abb. 1 Kunstbuch Heinrich Kellners
von 1588, fol. 3r (Scan: UB Frankfurt)

25. März 421 - 1600. Geburtstag von Venedig

Anlässlich des 1600. Geburtstags der Stadt Venedig (der Gründungsmythos nennt hierfür das Datum 25. März 421) sollen Heinrich Kellners Verdienste als Autor in den Blick genommen werden. 1574 veröffentlichte der historisch interessierte Stadtadvokat ein Buch über die Stadt Venedig, deren Verfassung er als vorbildlich erachtete, und ein weiteres zu deren »Hertzogen«. Kellners bis zur damaligen Gegenwart fortgeschriebene Geschichte der venezianischen Dogen basierte auf älteren italienischen Schriften, wurde nun aber mit 84 in Holzschnitt ausgeführten (Phantasie-)Bildnissen der Dogen seit dem späten 7. Jahrhundert illustriert.
In Vorbereitung der lateinischen und deutschen Ausgabe hatte Kellner sein 1563 und 1572 datiertes Wappenbuch des venezianischen Adels angelegt »Insignia Patritiorum Venetorum« (Abb. 2, 3).2

Abb. 2 Heinrich Kellner, Insignia Patritiorum Venetorum (1563, 1572)
Vorderdeckel des Einbandes
(Scan: UB Frankfurt)
Abb. 3 Heinrich Kellner, Insignia Patritiorum Venetorum:
Handschriftliches Titelblatt mit Kellners Motto »ENITAR« (Ich will mich anstrengen)
(Scan: UB Frankfurt)


Dieses bestand aus vorgedruckten Wappenschablonen nach Entwürfen von Jost Amman (1539-1591), in die Kellner die Wappen der Dogen einzeichnete.

Kellners gezeichnetes Wappen des ersten Dogen Paulutius Anafestus (Abb. 4, oben rechts) übertrug Amman in einen Holzschnitt für Kellners Buch »De vita, moribus, et rebus gestis omnium ducum venetorum ...« (Abb. 5).

Abb. 5
Heinrich Kellner, De vita, moribus, et rebus gestis omium ducum venetorum ... (Frankfurt 1574)
Signatur: N.libr.Ff. 10001
Der hier gezeigte Holzschnitt zeigt den ersten Dogen von Venedig, Paulutius Anafestus (Foto: Michaela Schedl)

In Kellners thematisch breit gefächertem Buchbesitz hatte sich auch eine Ausgabe der »Peregrinatio in Terram Sanctam« (gedruckt in Speyer 1502) befunden, ein Bericht über die Pilgerreise des Mainzer Domherrn Bernhard von Breydenbach von Venedig nach Jerusalem und seine Weiterreise nach Ägypten, die u. a. mit einem mehrseitigen Holzschnitt von Venedig illustriert war (Abb. 6). 3



Abb. 6 Bernhard von Breydenbach, Peregrinatio in Terram Sanctam . . . (Speyer 1502)
fol. 6v zeigt die »Civitas Veneciarum«, also den Stadtstaat Venedig in einem mehrteiligen Holzschnitt; hier ein Ausschnitt davon (Scan: UB Frankfurt)

Eine Publikation zur Bibliothek und den Kunstbüchern Heinrich Kellners wird 2021 in der Reihe der Frankfurter Bibliotheksschriften erscheinen.

MICHAELA SCHEDL



Anmerkungen
  1. Ms. Ff. H. Kellner 1 - Kunstbuch
    Vgl. Jochen SANDER/Michaela SCHEDL, Der Frankfurter Patrizier und Jurist Heinrich Kellner. Gelehrter, Autor und Kunstsammler. In: Die Welt im BILDnis. Porträts, Sammler und Sammlungen in Frankfurt von der Renaissance bis zur Aufklärung. (Frankfurt am Main, Museum Giersch), hg. von Jochen Sander, Petersberg 2020, S. 47-55
  2. Ms. lat. qu. 17 - Wappenbuch des venezianischen Adels
  3. Ms. lat. qu. 59 Nr. 4 - [Peregrinatio in Terram Sanctam] Sanctaru[m] - Dieses Exemplar stammt nicht aus Kellners Besitz.

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zuletzt geändert am 7. Juni 2021

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